|
Nationalsozialismus: ein Thema, mit dem wir uns schon oft auseinander gesetzt haben und es wahrscheinlich auch unser ganzes Leben lang immer wieder tun werden. Aber erscheint es uns nicht manchmal fast schon nur als Anhäufung von Daten, die wir für den Geschichtsunterricht lernen? An der IGS Flötenteich steuert man jetzt dagegen.
Irgendwann, als unsere Großeltern noch ganz klein waren, vielleicht gerade geboren, passierte etwas Schreckliches in Deutschland, in ganz Europa, schließlich in der ganzen Welt. Vielleicht haben einige von uns „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelesen oder „Damals war es Friedrich“, doch Anne Franks Geschichte spielt sich größtenteils in den Niederlanden ab. Die Verhältnisse im Haus von Herrn Resch erscheinen uns so fern. War es bei uns auch so? Für viele ist es schwer, sich vorzustellen, dass die Nationalsozialsten hier einen ebenso großen Einfluss hatten wie in Berlin oder München. Doch auch Oldenburg war von der braunen Flut überschwemmt worden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die gesamte Region zu „säubern“.
Das Stadtarchiv durchforstet
Genau damit beschäftigen sich seit dem Sommer 2008 Oberstufenschüler/innen der IGS Flötenteich in Kooperation mit der Universität Oldenburg. „Zuerst haben wir zu dem Thema recherchiert, um eine Broschüre zu erstellen. Dazu haben wir das Stadtarchiv durchforstet und Zeitzeugen befragt. Irgendwann kam dann die Idee, auch Stadtführungen für Schulklassen anzubieten“, erzählt Christian Kaphengst, einer der Organisatoren. Die Idee stieß auf allgemeine Begeisterung und die Schüler/innen realisierten mit Hilfe der Studentin Friederike Schmidt zwei Führungen, die sie seit Sommer 2009 mit einer Förderung der Stiftung Niedersachsen anbieten. Das Ziel sei es, so Lennart Lüttgau, der ebenfalls die Führungen mitorganisiert und umsetzt, das Abstrakte greifbar zu machen anhand der eigenen Stadt.
Opfer der Eugenik und Euthanasie
Der Treffpunkt steht fest. 10 Uhr vor dem PFL. Dagmar Gerke, Lennart Lüttgau und Christian Kaphengst sind schon vorher da und bereiten sich auf die Führung vor, die sie gleich zu dritt leiten werden. Eigentlich besteht die Schülergruppe aus sechs Teilnehmern, doch Lea Zumholz, Laura Alwon und Jana Schwinkendorf sind erst das nächste Mal wieder dran. „Wir wechseln uns ab“, erklärt Dagmar. Bei zwei Führungen böte sich das an. Langsam füllt sich die Rampe mit wuseligen Schüler/innen, die alle noch nicht so recht wissen, was sie in den nächsten 45 Minuten erwarten wird. Um fünf nach zehn fängt es endlich an.
Grausame Lehre
Nach der Begrüßung steigen die drei gleich ins Thema ein und berichten von den Opfern der Euthanasie, also der „Sterbehilfe“. In diesem Fall der reinste Euphemismus, denn die Nationalsozialisten handelten nach der Lehre der Eugenik. Diese beschreibt die „Volksgesundheit“, in der das Volk als Körper angesehen wird und jedes störende Element als Krankheit, die den Körper schwächt. Im Dritten Reich waren es also beispielsweise die Juden, die Sinti und Roma, körperlich und geistig Behinderte und jegliche Andersdenkende. Somit sahen es die nationalsozialistischen Ärzte als ihre perverse Pflicht an, den „Volkskörper zu säubern“.
Die Führung geht weiter, es werden Daten und Fakten, aber auch immer persönliche Schicksale dahinter erzählt. Langsam erlangen die allseits bekannten Orte eine zweite Bedeutung. Das PFL ist nicht länger nur Herberge der Bibliothek und der Kibum, sondern auch ehemaliger Ort des Verbrechens und am Julius-Mosen-Platz lebte eine Familie, die fliehen musste. Herr Johanning, der seine Klasse heute begleitet, ist begeistert von dem Projekt, es sei von Schülern für Schüler und passe auch gut in den Themenplan. Später im Unterricht wolle er sich auf die angesprochenen Aspekte beziehen.
Und was hättet ihr gemacht?
Am Ende steht die Gruppe vor der neuen Synagoge in der Wilhelmstraße. Hier wird ein Fazit gezogen, Unklarheiten werden beseitigt. Und Lennart stellt die letzte Frage für heute: „Und was hättet ihr gemacht, wenn ihr damals verfolgt worden wärt?“ Allgemeines Getuschel beginnt. „Selbstmord“, ruft ein Mädchen mit geringeltem Schal. „Hitler töten“, schallt es von hinten. Schließlich meint ein Schüler: „Auswandern.“ Das hätten viele versucht, entgegnet Christian, aber Dagmar ergänzt: „Leider war das oft nicht möglich. Auswandern war sehr teuer und viele hatten nicht genug Geld.“
Die Stadtführung ist vorbei, bei einigen wirkt das soeben Gehörte noch nach. „Die Führung war sehr informativ“, sagt eine Teilnehmerin, „und es war gerade so viel Stoff, dass man ihn gut verarbeiten konnte.“ Schon in einigen Tagen folgt die nächste Klassenführung, dann mit dem Fahrrad. Alles in allem also ein wirklich unterstützenswertes Projekt von Schüler/innen für Schüler/innen - um das Gedenken weiterzutragen. (4/23.01.2009)
Irgendwann, als unsere Großeltern noch ganz klein waren, vielleicht gerade geboren, passierte etwas Schreckliches in Deutschland, in ganz Europa, schließlich in der ganzen Welt. Vielleicht haben einige von uns „Das Tagebuch der Anne Frank“ gelesen oder „Damals war es Friedrich“, doch Anne Franks Geschichte spielt sich größtenteils in den Niederlanden ab. Die Verhältnisse im Haus von Herrn Resch erscheinen uns so fern. War es bei uns auch so? Für viele ist es schwer, sich vorzustellen, dass die Nationalsozialsten hier einen ebenso großen Einfluss hatten wie in Berlin oder München. Doch auch Oldenburg war von der braunen Flut überschwemmt worden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die gesamte Region zu „säubern“.
Genau damit beschäftigen sich seit dem Sommer 2008 Oberstufenschüler/innen der IGS Flötenteich in Kooperation mit der Universität Oldenburg. „Zuerst haben wir zu dem Thema recherchiert, um eine Broschüre zu erstellen. Dazu haben wir das Stadtarchiv durchforstet und Zeitzeugen befragt. Irgendwann kam dann die Idee, auch Stadtführungen für Schulklassen anzubieten“, erzählt Christian Kaphengst, einer der Organisatoren. Die Idee stieß auf allgemeine Begeisterung und die Schüler/innen realisierten mit Hilfe der Studentin Friederike Schmidt zwei Führungen, die sie seit Sommer 2009 mit einer Förderung der Stiftung Niedersachsen anbieten. Das Ziel sei es, so Lennart Lüttgau, der ebenfalls die Führungen mitorganisiert und umsetzt, das Abstrakte greifbar zu machen anhand der eigenen Stadt.
Opfer der Eugenik und Euthanasie
Der Treffpunkt steht fest. 10 Uhr vor dem PFL. Dagmar Gerke, Lennart Lüttgau und Christian Kaphengst sind schon vorher da und bereiten sich auf die Führung vor, die sie gleich zu dritt leiten werden. Eigentlich besteht die Schülergruppe aus sechs Teilnehmern, doch Lea Zumholz, Laura Alwon und Jana Schwinkendorf sind erst das nächste Mal wieder dran. „Wir wechseln uns ab“, erklärt Dagmar. Bei zwei Führungen böte sich das an. Langsam füllt sich die Rampe mit wuseligen Schüler/innen, die alle noch nicht so recht wissen, was sie in den nächsten 45 Minuten erwarten wird. Um fünf nach zehn fängt es endlich an. Nach der Begrüßung steigen die drei gleich ins Thema ein und berichten von den Opfern der Euthanasie, also der „Sterbehilfe“. In diesem Fall der reinste Euphemismus, denn die Nationalsozialisten handelten nach der Lehre der Eugenik. Diese beschreibt die „Volksgesundheit“, in der das Volk als Körper angesehen wird und jedes störende Element als Krankheit, die den Körper schwächt. Im 3. Reich waren es also beispielsweise die Juden, die Sinti und Roma, körperlich und geistig Behinderte und jegliche Andersdenkende. Somit sahen es die nationalsozialistischen Ärzte als ihre perverse Pflicht an, den „Volkskörper zu säubern“. Die Führung geht weiter, es werden Daten und Fakten, aber auch immer persönliche Schicksale dahinter erzählt. Langsam erlangen die allseits bekannten Orte eine zweite Bedeutung. Das PFL ist nicht länger nur Herberge der Bibliothek und der Kibum, sondern auch ehemaliger Ort des Verbrechens und am Julius-Mosen-Platz lebte eine Familie, die fliehen musste. Herr Johanning, der seine Klasse heute begleitet, ist begeistert von dem Projekt, es sei von Schülern für Schüler und passe auch gut in den Themenplan. Später im Unterricht wolle er sich auf die angesprochenen Aspekte beziehen.
Und was hättet ihr gemacht?
Am Ende steht die Gruppe vor der neuen Synagoge in der Wilhelmstraße. Hier wird ein Fazit gezogen, Unklarheiten beseitigt. Und Lennart stellt die letzte Frage für heute: „Und was hättet ihr gemacht, wenn ihr damals verfolgt worden wärt?“ Allgemeines Getuschel beginnt. „Selbstmord“, ruft ein Mädchen mit geringeltem Schal. „Hitler töten“, schallt es von hinten. Schließlich meint ein Schüler: „Auswandern.“ Das hätten viele versucht, entgegnet Christian, aber Dagmar ergänzt: „Leider war das oft nicht möglich. Auswandern war sehr teuer und viele hatten nicht genug Geld.“
Die Stadtführung ist vorbei, bei einigen wirkt das soeben gehörte noch nach. „Die Führung war sehr informativ“, sagt eine Teilnehmerin, „und es war gerade so viel Stoff, dass man ihn gut verarbeiten konnte.“ Schon in einigen Tagen folgt die nächste Klassenführung, dann mit dem Fahrrad. Alles in allem also ein wirklich unterstützenswertes Projekt von Schüler/innen für Schüler/innen, um das Gedenken weiterzutragen. |