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Bologna: Hamster im Laufrad? PDF Drucken
Bildungsjournal - Studium
Ressort Deutschland/Welt

Berlin (dpa) - Am Anfang stand ein Traum: Die bestechende Vision von einem Studium ohne Grenzen für mehr als 15 Millionen Studenten an weit über 5000 Hochschulen Europas und der angrenzenden Staaten - ohne Anerkennungsstreit über Leistungsscheine und Zwischenprüfungen. Doch heute - zehn Jahre nach dem Beschluss der EU-Bildungsminister in der italienischen Hochschulstadt Bologna über die einheitliche Studienstruktur mit Bachelor- und Masterabschlüssen in ganz Europa - überwiegt vor allem in Deutschland die Kritik. Bei einem Bologna- Folgetreffen am Mittwoch im belgischen Leuven bemühten sich die Minister um Nachbesserungen - vor allem in Sachen Auslandsmobilität.

Die Hauptkritik: Die erste Studienphase bis zum Bachelorabschluss - in Deutschland auf nur sechs Semester zusammengestutzt - gilt als total verschult. An manchen Hochschulen wurden die Inhalte der früheren acht- bis zehnsemestrigen Diplomstudiengänge fast komplett in die neue Studienstruktur hinein gepfroft. Dichte Stundenpläne mit Anwesenheitspflicht sowie die Fülle von Praktika und Klausuren lassen vielerorts weder Zeit für Jobben nebenher noch für die Vertiefung des Stoffes. Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, beschreibt die Studiensituation der jungen Menschen in Zeiten von Bologna provokativ mit dem Satz «Wie Hamster im Laufrad...»

Starke Ausdifferenzierung
Unter diesen Bedingungen sinkt in vielen Fächern die Bereitschaft der Studierenden, bereits in der Bachelor-Phase für ein bis zwei Semester ins Ausland zu gehen. Dabei war Auslandsmobilität gerade eines der Kernziele der Reform. Aber auch innerhalb Deutschlands ist der Wechsel der Universität bisher nicht gerade leichter geworden. Durch starke Ausdifferenzierung und Spezialisierung von Studiengängen innerhalb der klassischen Fächer will es mit der Anerkennung der neuen Studienmodule und des Leistungspunktsystems an manchen Hochschulen immer noch nicht so recht klappen.

Im amerikanischen Bachelor/Master-System, dass für die Bologna- Reform Pate stand, ist die Studienphase bis zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss (BA) auf acht Semester ausgelegt. Die Magisterphase zur Qualifikation auf wissenschaftliche Berufe (MA) sieht dann in der Regel nur noch ein Jahr vor. In Deutschland sind dies dagegen vier Semester. Auch in England - wie in vielen anderen Bologna-Unterzeichner-Staaten - räumt man den jungen Leuten in der ersten Studienphase mehr Zeit ein. Vorgesehen sind mindestens 7, für spezielle Berufe sogar bis zu 10 Semester. Der Hochschulforscher Ulrich Teichler: «Dort kann man mit dem BA-Abschluss - anders als in Deutschland - auch in jeden höheren Beruf einsteigen.»

Zeitliche Ausweitung beim Bachelor?
Im Bundesbildungsministerium ist man inzwischen offen für eine zeitliche Ausweitung der Bachelor-Studienphase, vor allem wenn ein Aufenthalt im Ausland eingebaut wird. Dies sollte aber von den Hochschulen vor Ort entschieden werden, sagt der Parlamentarische Staatssekretär Andreas Storm (CDU), der Deutschland bei der Konferenz in Leuven vertritt.

Auch ein anderes Problem bei der Bachelor/Master-Einführung in Deutschland gilt als hausgemacht. Laut Empfehlung des Wissenschaftsrates haben BA-Absolventen nicht automatisch Anspruch auf Fortsetzung ihrer Qualifikation in einem Master-Studiengang. Die Hochschulen haben vielmehr das Recht, ihre Studenten dafür nach eigenen Kriterien auszuwählen. Einige Unis verlangen dabei mindestens die Note 2 bis 2,5 auf dem BA-Zeugnis. Andere fordern noch zusätzliche Leistungen oder wollen ganz individuell auswählen. Es gibt bereits erste Klagen gegen Abweisungen in Master-Studiengängen.

Trotz der vielen Image-Kampagnen der Wirtschaftsverbände pro Bachelor halten sich noch immer hartnäckig Zweifel an der Arbeitsmarkt-Tauglichkeit des schnellen Studienabschlusses. Die Aussicht, dass nach dem BA-Abschluss das Studium unter Umständen nicht weiter fortgesetzt werden kann, führt bei vielen Studienanfängern zu Unsicherheit und zusätzlichem Leistungsdruck. (19/03.05.2009) [Meldung vom 29.04.2009]

Stichwort: Bologna-Reform

Die Bildungsminister von 29 europäischen Staaten unterschrieben 1999 in der italienischen Hochschulstadt Bologna eine Erklärung, bis 2010 einen gemeinsamen Hochschulraum Europa zu schaffen. Dazu gehört ein einheitliches System von aufeinander aufbauenden Studienabschlüssen (Bachelor, Master, Promotion). Zugleich werden die Studieninhalte in Module aufgeteilt.

Studienleistungen sollen einheitlich nach einem Leistungspunktesystem bewertet werden (European Credit-Transfer Systems ECTS). Dies soll Studienphasen im Ausland erleichtern. Inzwischen ist die Zahl der Bologna-Unterzeichner-Staaten auf 46 angewachsen. 20 weitere sind an der Aufnahme interessiert.

In Deutschland gelten laut Bundesbildungsministerium mittlerweile 75 Prozent der gesamten Studienangebote für Erstsemester als umgestellt. Im Wintersemester 2007/2008 waren rund 600 000 der zwei Millionen Studierenden in Bachelor- oder Masterstudiengängen eingeschrieben. Jura und auch die medizinischen Studiengänge sind von der Reform bislang allerdings ausgenommen. dpa
 

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