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Kennen Sie das nicht auch? Diese finstere Einsicht, diese unerschütterliche Erkenntnis, dass in Situationen, die nicht eben dazu angetan sind, Heiterkeitsstürme auszulösen, der Wunsch Vater des Gedankens ist? Dass aus der Verzweiflung über eine Lage Ideen zum weiteren Verlauf der Geschehnisse erwachsen, von denen einem Mensch, der bei Verstand ist, von Beginn an klar sein müsste, dass sie völlig unberechtigt sind? Dass diese Ideen geistiges Unkraut sind, mickrig, schäbig, erwachsen aus der Erde Hoffnung? Dass die Realität aber nur darauf wartet, sie zu zertrampeln? Ich will das mal etwas konkreter sagen, damit jeder weiß, was ich meine: Welcher Schüler malt sich vor einer anstehenden Arbeit nicht aus, wie sein Lehrer so ganz spontan krank wird? Zumindest Deutschlehrern stünden die Tränen der Rührung in den Augen über die ungeheure Phantasie ihrer Schüler, hörten sie deren Unterhaltungen darüber, wie sie auf dem Weg vom Lehrerzimmer zum Klassenraum verunglücken. Was dabei nicht schon für Überleglungen herausgekommen sind! Hoffen auf das Laubblasgerät Klar, zuerst kommt immer der Beinbruch. Wenn im anstehenden Aufsatz Kreativität gefordert ist, kann man schon mal davon ausgehen, dass es schlecht bestellt ist, um diejenigen, denen nichts Originelleres einfällt. Wer dagegen auf die Idee kommt, der Lehrer habe die Aufsatzhefte im Auto vergessen, habe den Autoschlüssel aber neben der Kaffeemaschine im Lehrerzimmer liegen lassen, sodass ein Kollege den Schlüssel für den seinen gehalten habe, seinen Irrtum allerdings erst bemerkt habe, nachdem er anderthalb Stunden mit dem falschen Schlüssel an seinem Schloss herumgepopelt habe und dem Deutschlehrer den Schlüssel im Zorn an den Kopf geworfen habe, worauf der seit Stunden den Schlüssel suchende Deutschlehrer ihn mit einem auf dem Schulhof deponierten Laubblasegerät erschlagen habe und daher zu mehrjähriger Haft wegen Totschlags im Affekt und Sachbeschädigung verurteilt werde - wer sich so etwas ausdenkt, der braucht auch vor dem Kreativaufsatz keine Furcht zu haben. Nicht aber sollte er glauben, seine Kreativität könne das Schicksal des Lehrers beeinflussen – ich weiß, wovon ich spreche, immerhin macht mein Mathelehrer noch einen recht munteren Eindruck. Um es noch deutlicher zu machen: Es drängt sich mir die Vermutung auf, dass auf unserem Erdball das Schicksal so beschaffen ist, dass stets das Gegenteil der Gedanken eintritt, in denen der Hoffende sein Heil sucht. Optimisten allerorten Kürzlich schrieb ich eine Kolumne, in der das Kompliment pries. Ich stellte mir tausend Komplimente vor, eines zauberhafter als das andere – und bekam einen Leserbrief, der mir Egozentrik vorwirft und bemängelt meine Kolumnen seien niveaulos und beinhalteten vor allem zu viele Fremdwörter. Vielleicht denken wir einfach zu optimistisch; gehen immer von dem aus, was uns selbst am vorteilhaftesten erscheint; bewirken damit jedoch das Gegenteil unserer Gedanken. Vielleicht funktioniert ja auch die Umkehrung: Wir dächten immer an das Übelste und ließen so das für uns Beste in Kraft treten. Aber nein, das wäre auch nicht das Gelbe vom Ei: Das Ergebnis wären Schleimer und verunglückende Lehrer. (11/08.03.2009)
Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.
Bild: Michaela Zimmermann(o.), Jennifer Wiesbeck (u.)/Jugendfotos.de/CC-Lizenz
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