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Hey Freunde, ich bin’s, der exzentrische Kolumnist vom Onlinemagazin! Voll cool, dass ihr da seid, find’ ich echt krass, dass ihr euch das antut! Nun sagen Sie nicht, Ihnen gefiele dieser Einstieg! Ist er nicht garstig? Finden Sie ihn nicht auch unausstehlich penetrant? Er gaukelt Ihnen ein Verhältnis vor, das nicht besteht: Sie sind nicht meine Freunde, seien Sie froh drüber, Sie bräuchten starke Nerven! Und was bitte, gäbe mir das Recht, Sie zu duzen? Wenn Sie nun ein Fünftklässler sind – in Ordnung, da wäre die Höflichkeitsform ein bisschen albern – aber womöglich sind Sie keiner, sondern ein Abiturient oder gar einer meiner Lehrer. Und da kommt nun so ein Elftklässler daher und glaubt, jegliche Distanz, die zwischen Ihnen und ihm besteht, über den Haufen rennen zu können. Rotzfrech steht er jetzt vor Ihnen und tut so, als kenne er Sie seit Ewigkeiten! Finden Sie das gut? Ich jedenfalls finde es frech!
Das ist auch mein Problem mit dem SchülerVZ: „Hey Karl, Post für dich!“ Wie kommen diese Menschen, wer immer sie sind, dazu, mich mit „Hey Karl“ anzureden? Sie brauchen vielleicht nicht „sehr geehrter Herr Kelschebach“ zu schreiben, wenngleich das meinem Ego sicherlich gut täte, aber sie müssen deswegen ja nicht so tun als wären wir alte Kumpels. Neulich traf zu meinem Geburtstag ein Versicherungsbrief ein, dessen Verfasser mir einen „tollen Tag mit Freunden und Familie“ wünschten – und mich nebenbei über die vorzüglichen Angebote der Versicherung aufklärten.
Letztendlich beinhalten solche Schreiben eine Lüge – die, dass man miteinander bekannt, womöglich befreundet sei. Besonders dreist finde ich das unter Berücksichtigung der Tatsache, dass einigen weiteren tausend Versicherten der gleiche „tolle Tag mit Freunden und Familie“ gewünscht wird.
Kann man Distanz dadurch überwinden, dass man sie verleugnet? Stehe ich beispielsweise einem Lehrer näher, der „Hi Leute!“ sagt, als einem, der sich des herkömmlichen „Guten Morgens“ bedient? Natürlich nicht! Ich schätze Lehrer, die ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Schülern pflegen. Dazu gehört aber auch Aufrichtigkeit, was eben bedeutet, dass man einander nichts vormacht. Wenn der Lehrer den Kumpel spielt, hat er dabei meist eine Absicht – er wird das Kumpelverhältnis instrumentalisieren, ob er will oder nicht. Wer die Hausaufgaben nicht macht, ist nicht mehr sein Kumpel – und dem Rest der Klasse werden dieselben als angesagte Freizeitbeschäftigung verkauft: „Na? So’n paar Seiten im Lesebuch – das wär’s doch heute Nachmittag, wa’?“ Womit unser fiktiver Lehrer zu verstehen gäbe, dass er seine Schüler für außerstande hält, eine Pflicht als solche zu akzeptieren und zu achten. Die Auflösung des gegenseitigen Abstandes muss langsam kommen, am liebsten von allein – sonst darf man davon ausgehen, dass sie schamlos ausgenutzt wird – so zum Beispiel: War klasse mit euch, ehrlich Freunde – ich freue mich total, dass ihr nächste Woche wieder dabei seid, wenn ich eine neue Kolumne habe! (19/03.05.2009)
Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.
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