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In meinem Hirn tobt ein Feldzug gegen strukturiertes Denken: Meine Gedankenstränge verknoten sich ineinander, trampeln in einem närrischen Tanz durch jene Gefilde des Geistes, welche sonst als ordnende Kräfte agieren, dann wieder zerreißen sie sich gegenseitig und hinterlassen undurchdringlichen Nebel. Ich schaue auf mein Blatt, das so kalt so freudlos vor mir liegt, und ich weiß: Diese Kolumne ist zum Scheitern verurteilt! Den Ruf einer stilistischen Null werde ich mir durch sie verschaffen: Mit keiner Frage an den Leser kann ich sie beginnen, mit keinem Zitat oder Sprichwort einsteigen, welches das Prinzip des Themas benennt, an das ich mich heranwage. Warum? Weil das Thema gar kein Prinzip hat!
Und nun will ich Ihnen, so Sie die Lektüre noch nicht abgebrochen haben, auch keine weiteren nervlichen Strapazen in Gestalt zusätzlicher Einleitungssätze zumuten, sondern Ihnen endlich verraten, worum es geht: Um Postkarten. Radikaornithologen und andere Spezies „Postkarten!“, werden einige unter Ihnen nun aufstöhnen, „was ist denn schon dabei, Hauptsache, sie sind kurz!“ Doch alsbald werden andere ergänzen, sie müssten in jedem Fall Informationen über das Wetter enthalten. Viel wichtiger sei es, die Tätigkeiten, denen man sich widmet, darzustellen, werden manche hier einwenden – worauf nun der eine oder andere rhetorisch fragen wird: „Und wenn man gar nichts macht? Man will sich im Urlaub doch vor allem erholen!“ und alternativ auf eine Beschreibung des Essens pochen. Sodann wird sich eine Fraktion energischer Kritiker formieren, die darauf bestehen, dass das einzig Spielentscheidende die Ausführungen zum Reiseziel selbst seien. Fehlt nur noch, dass sich jetzt einige Radikalornithologen einschalten, um auf einer Aufl istung, der gesichteten Spezies zu beharren und schon trage ich die Verantwortung für einen Disput unter meinen Lesern, der so rasch an Heftigkeit gewinnen wird, dass er in einem Blutbad enden wird, das nur jene Muskelmänner unverletzt überstehen werden, die sich in Postkarten ausschließlich über ihre Schlägereien mit Einheimischen am Urlaubsort verbreiten. Kelschebach'scher Postkartenstil So ist das: Postkarten bedeuten Chaos. Sie unterliegen keinen Regeln, keinen Ordnungsinstanzen. Sie machen wahnsinnig! Ich merke das selbst: Schreibe ich eine, so stelle ich mir regelmäßig vor, dass selbige eines Tages abgedruckt in einem Deutschbuch stehen wird als Exempel des „Kelschebach’schen Postkartenstils“, den die Schüler als offizielle Struktur für die Gestaltung einer Postkarte lernen müssen, zusammen mit einigen Zitaten von mir: „Edel sei die Karte, hilfreich und gut!“, „Schreib’ nur das Rechte in deinen Sachen, das Andere wird sich von selber machen!“ Ich male mir aus, wie ein Zeitalter anbricht, da es Standart sein wird, dass eine Postkarte 250 Wörter umfasst, so wie meine eigenen, da man nicht mehr von positiven Erlebnissen erzählt, sondern von unangenehmen, weil das für den Empfänger viel interessanter ist: Wer will schon wissen, dass gerade die Sonne scheint? Interesse erweckt der Kaninchenkiefer, der am Vorabend im Essen lag! Sie finden das irre? Sie haben recht! Ich muss wohl zu lange in der Sonne gesessen haben, als ich meine letzten Urlaubsgrüße verfasste. (18/26.04.2009)
Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.
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