|
Ich koste, die Frühlingsrolle, die ich gerade an einem Bahnhofsimbiss gekauft habe. Das Äußere der Rolle ist gelblich: Gehärteter Eiter, ausgespieen von einem rheumatischen Rauhaardackel. Die Dämpfe, die dem Inneren der Rolle entsteigen, sind giftige Rauchschwaden, von einem brennenden Haus her aufziehend, aus dem das Wehklagen röchelnder Kinder dringt, die in Erstickungskrämpfen sich winden.
Hätten Sie auf solch eine Frühlingsrolle etwa Appetit? Angeblich lässt sich ja über Geschmack nicht streiten – habe ich Ihnen soeben nicht das Gegenteil bewiesen? Könnten Sie eine Frühlingsrolle genießen, die das Leiden sterbender Kinder verkörpert?
Zack! So schnell geht das: „Gott bewahre!“, rufen Sie aus, „welch Menschenfeind muss man sein, solche Frühlingsrollen zu verkaufen!“ Merken Sie denn nicht, was ich gerade getan habe? Ich habe Sie manipuliert! Man soll seinem Leser eigentlich ja die Möglichkeit intellektuellen Transfers lassen – Sie würden es mir doch nicht danken, daher will ich Ihnen gleich erklären, wie ich den Ekel vor bewusster Frühlingsrolle geweckt habe: Durch Metaphern. Erst Metaphern und dann noch rhetorische Fragen draufgesetzt – schon ist es passiert!
„Die Metaphern müssen aber auch passen, sie können sonst lächerlich wirken“, werden Sie einwenden – aber finden Sie denn nicht, dass man mit einer Frühlingsrolle Eiter und Rauch assoziieren kann? Nein, nein, lassen Sie mal, Metaphern sind ein stilistisches Mittel, in das sich jeder Schreiberling verliebt, bevor er es nur richtig kennen gelernt hat. Ich will Ihnen zeigen warum: Ich blicke auf meine Frühlingsrolle. Ihr Äußeres ist gelblich: Honig, von einem muntren Bienenvölklein erstellt aus dem Nektar der Blumen einer blühenden Sommerwiese, umgaukelt von prachtvollen Faltern. Die Dämpfe aus dem Inneren der Rolle sind Morgendunst, aufsteigend aus einem thailändischen Urwald, wo ein schillernder Kolibri gerade eine Orchidee umschwirrt.
„Die Metapher“, sage ich mir während ich mir den Mund abtupfe, „ist ein Licht, das die finsterste Nacht zu erhellen vermag!“ (5/25.01.2009)
Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.
|