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Angenommen, mir sei für diese Kolumne nun kein Titel eingefallen, und ich hätte sie einfach mit der Überschrift „Nudelsalat“ versehen – wie wäre ihre Erwartungshaltung gewesen? Richtig, Sie hätten sich auf eine Hymne eingestellt, etwa: Wer liebt ihn nicht – den ultimativen Partysalat, lecker, preiswert und schnell zubereitet? Ich muss Sie enttäuschen: Bei solch einer pseudo-rhetorischen Frage würde ich nämlich sofort schreien: „Hier, ich, ich kann das Zeug nicht ausstehen!“
Ja, ich weiß, lieber Leser, was ich gerade wage, ist kühn! Immerhin laufe ich Gefahr, aus der eigenen Familie verstoßen zu werden – wenn mein Vater erfährt, dass ich mich öffentlich darüber verbreite, was ich von seinem Nudelsalat halte... Doch auch das Bild, welches meine Leser von mir haben, trübe ich ohne Zweifel. Kritik am Nudelsalat! Und das in Deutschland! Wer einen deutschen Bürger beleidigen will, wer ihm wirklich vor den Kopf stoßen möchte, der sage ihm, dass ihm sein Nudelsalat nicht schmeckt – dann ist es aus zwischen den beiden, unwiderruflich! Ich sehe sie auch bereits vor mir, Stapel von Leserbriefen, bittere Anklagen! Mit diesem Artikel stelle ich unsere nationale Identität in Frage, wird es aus patriotisch-konservativen Kreisen heißen. Ich wolle mich über das Volk stellen, mich in eine Gesellschaftsklasse begeben, die sich ausschließlich von Kaviar und Champagner ernährt, werden die Linken unter meinen Leser mir entgegengiften. Vielleicht kann ich mich zumindest mit ihnen versöhnen. Ich gedenke nämlich, eine Kernthese Karl Marx' auf den Nudelsalat zu übertragen. Karl Marx war der Meinung, dass die gesellschaftlichen Strukturen so katastrophal seien, dass man sie nicht verbessern könne, ohne sie durch eine Revolution aufzuheben. Nur eine völlig neue Gesellschaftsordnung sei imstande, das Problem der Ausbeutung zu lösen. So ähnlich ist es mit dem Nudelsalat – das Grundkonzept ist daneben! Da hilft es auch nicht, dass manche Leute statt Fleischwurst Kochschinken verwenden; da nützt es nichts, dass manch' einer Mandarinenstückchen anstelle von eingelegten Gurken den Nudeln hinzufügt; da ändert selbst die Petersilie nichts, die man über den Salat streuen kann, damit man das Grauen, welches sich unter ihr verbirgt, nicht so sieht! Vergessen Sie's! Kalte Nudeln, verpanscht mit Mayonnaise – das kann ja nichts werden, und wenn Sie sich auf den Kopf stellen! Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich dann und wann zu Polemik neige! In meinem nächsten Artikel werde ich mich sanft und versöhnlich zeigen. Wenn es denn zu einem nächsten kommen wird – wahrscheinlich werde ich nämlich wegen öffentlicher Hetze gegen die deutsche Gesellschaft die Schule verlassen müssen. (6/02.02.2009)

Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.
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