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Kolumnen - Karl Kelschebach

Kolumne

„Von einem guten Kompliment“, meint Mark Twain, „kann ich zwei Monate leben“. Er hat ja so recht! Kennen Sie das nicht auch, dieses wohlige Pochen in der Brust, das eine liebenswürdige Bemerkung zu verursachen vermag? Was könnte das Ego besser befriedigen als eine charmante Bezeichnung für die eigene Person? Nichts, verehrter Leser! Besonders erfreut ist man natürlich, wenn man sich einreden kann, das Kompliment habe seine Berechtigung.

Ein Kompliment, das mir zu dem Zeitpunkt, da ich es erhielt, äußerst zutreffend erschien, stammt von unserem Chefredakteur, welcher mich kürzlich wiederholt als „Kulturmenschen“ bezeichnete. Dass ich fand, er habe damit recht, ist, wie ich heute feststellen musste, ein Zeugnis verzerrter Selbstwahrnehmung. Unter einem Kulturmenschen stelle ich mir eine sich gewählt artikulierende, literarisch wie künstlerisch interessierte Person vor, die ihr gesellschaftliches Umfeld mit wachem, kritischem Blick wahrnimmt und sich aufregt über die geistlose Primitivität in Slogans wie „Geiz ist geil!“, mit denen jenes Umfeld behaftet ist.

In den Fahrradreifen beißen

Was ich mir unter einem Kulturmenschen nicht vorstelle, ist ein Mensch, welcher einen Sonntagnachmittag damit zubringt, sein Fahrrad anzubrüllen. Widmete ich mich heute Abend einer Selbstreflexion, so müsste ich in derselben allerdings eingestehen, dass sich meine Tätigkeiten in den letzen Stunden etwa so gestalteten: Ich schrie, schmiss mit Werkzeug um mich, spuckte auf die Erde, verprügelte mein Fahrrad und kämpfte krampfhaft gegen den Drang, in die Reifen desselben zu beißen.

Ich zeigte dem Rad den schmutzgeschwärzten Stinkefinger und bedachte es mit Bezeichnungen, die nicht zur Veröffentlichung taugen und deren kultureller Gehalt, wie bedauernd zu konstatieren ist, letztlich als bescheiden einzuschätzen ist. Das Gefährt hatte einen Platten, den es zu beheben galt. Nachdem ich nach ca. anderthalb Stunden aufgehört hatte, dem Mantel zu drohen, löste mein Vater ihn für mich vom Reifen, sodass der Schlauch, wo das Loch saß, frei lag.

Der Kulturmensch ist sparsam
Weil Sparsamkeit ja eine tugendhafte Eigenschaft ist, nahm ich mir vor, den Schlauch nicht durch einen neuen zu ersetzen, sondern ihn zu flicken. Ein Blick auf den Schlauch belegte übrigens, dass ich mir das nicht zum ersten Mal vornahm. Nichtsdestotrotz machte ich mich auch diesmal an die Arbeit. Als ich das erste Loch gestopft hatte, bemerkte ich ein weiteres. Als ich auch dieses gestopft zu haben glaubte, fiel mir auf, dass es sich in Wirklichkeit um drei Löcher handelte, was mich dazu zwang, zwei weitere Flicken auf die entsprechende Stelle zu kleben. Als ich dann prüfte, ob die Flicken gehalten hatten, musste ich erkennen, dass dies nicht der Fall war. Dies veranlasste mich zu den oben geschilderten Ausbrüchen. Zuvor nämlich hatte ich bereits einen anderen Schlauch geflickt, der augenscheinlich von besserer Qualität war und den ich dem alten daher vorzog. Wir hatten diesen Schlauch irgendwann einmal ausgewechselt, ihn aber aufbewahrt, wir sind schließlich sparsame Menschen. Ich hatte diesen Schlauch heute mindestens fünf Mal geflickt. Beim letzten Mal, hatte ich geglaubt, ich sei erfolgreich gewesen und ihn eingesetzt – da hatte es „Schschsch“ gemacht.

Was soll so ein Mist? Ich hätte ganz einfach einen neuen Schlauch kaufen können! Aber nein! Das kommt davon, wenn man sich von so einer Kacke wie „Geiz ist geil“ leiten lässt! Der Kotzbrocken, der sich diesen Dreck ausgedacht hat, gehört doch in den Knast! Über solche Sprüche kann ich mich aufregen, aber ehrlich!

Ich bin wohl doch ein Kulturmensch.

(9/22.02.2009)

Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.

Bild: Birthe Juist (Archiv)

 

LESERBRIEF
Ehrlich, Cassandras Kommentar zur letzten Kolumne sprach mir aus dem Herzen. [...] Irgendwann ist auch mal genug! Das Ende der Fahnenstange ist erreicht und das meiner Nerven auch. Bandwurmsätze über Zeilen, deren Sinn sich mir nach der zweitenZeile entzieht oder Fremdwörter, die ich in meinem 18-jährigen Leben noch nie gehört habe [...]. Schläft Karl mit einem Fremdwörterlexikon unter dem Kopf oder woher hat er all diese Wörter? [...] Kolumnen sollten kurze und knackige Sätze haben, deren Sinn sich sofort dem Leser erschließt. Es wartet also eine Menge Arbeit auf den Autoren. [...] Überdies muss etwas mit der Themenwahl passieren! Irgendwas über eine Rasur oder Kulturmenschen... [...] Man muss mit den Themen an die Menschen herangehen und nicht egozentrisch nur über sich erzählen. Wo bleibt die "Kennt-ihr-nicht-auch"-Perspektive? [...]
—KEVIN HELD, NGO-Schüler, Jg. 12

 

 

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