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Kolumnen - Karl Kelschebach

Kolumne
„Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Flamingo“, ermuntert Naturforscher Grzimek, „dann müssten Sie den ganzen Tag auf einem Bein stehen“. Ich will Ihr Vorstellungsvermögen nicht allzu sehr strapazieren und bitte Sie daher, sich in die Rolle eines weitaus unansehnlicheren Tieres zu versetzen: Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Mann! Vielleicht sind Sie ja sogar einer oder unterliegen, wie ich, den Zwängen der Natur und werden in geraumer Zeit einmal einer sein.

Sie sind nun also ein Mann, und zwar ein Mann in der Weihnachtszeit. Wäre Weihnachten tatsächlich das Fest der Liebe und des Friedens auf Erden, so würden Sie die Weihnachtszeit vermutlich verachten, denn sie sind ja ein Mann und halten entsprechend wenig von Liebe und Frieden auf Erden. Aber in Wirklichkeit ist Weihnachten das Fest der Geschenke und sonst erst einmal gar nichts. Da Sie das wissen, finden Sie Weihnachten eigentlich ganz gut, denn es befriedigt bekanntlich das Ego, Geschenke zu bekommen – von Sprüchen wie „weniger ist mehr“ halten Sie in diesem Zusammenhang natürlich nichts, für Sie gilt: „Je mehr desto besser!“ (Da gehe ich ausnahmsweise sogar mit Ihnen konform).

Wir gehen einmal davon aus, dass Sie nicht nur ein Mann sind, sondern auch eine Gattin haben (die Arme!) und überdies einen oder mehrere Söhne, so zwischen vier und zehn. Zeitsprung. Der Heilige Abend mitsamt Bescherung ist vorüber, Sie gehen wieder zur Arbeit. Und nun wollen wir einmal überprüfen, wie gut Sie sich in Ihre Rolle eingefunden haben! Mit einem Kollegen, er ist im Prinzip nicht anders als Sie, auch ein Mann, hat auch eine Frau und Kinder, unterhalten Sie sich über die Weihnachtsgeschenke dieses Jahres. Was werden Sie ihn als erstes fragen?

Falsch! Ihre erste Frage wird lauten: „Und – was haben deine Kinder zu Weihnachten gekriegt?“ Und dann legen Sie beide los, der Kollege und Sie. Sie erzählen von den Lego-Burgen, die Sie (angeblich mit ihrem Sohn) gebaut haben, Sie schwärmen vom neuen Computerspiel und berichten mit leuchtenden Augen vom Pokémon-Computer.

Wen interessierte schon die Krawatte, die Ihnen Ihre Mutter geschenkt hat? Oder das Parfüm von Ihrer Frau? Oder gar die Schmierereien, von denen Ihre Kinder behaupten, es seien Bilder? Allenfalls die Flasche Cognac, die ihr bester Freund Ihnen hat zukommen lassen, könnte der Rede wert sein. Aber auch die kann nicht mit den Superman-Figuren mithalten! Und wissen Sie – ich glaube, es ist nicht zuletzt dieses Bedürfnis des Mannes, sein Recht auf kindliches Verhalten beizubehalten, das ihn dazu veranlasst, Kinder in die Welt zu setzen, sein Drang zu spielen. Ohne diesen Drang wäre womöglich das Fortleben der Menschheit in Gefahr.

Wer weiß – vielleicht hat Superman ja tatsächlich schon ein paar mal die Menschheit gerettet. (1/04.01.2009)

Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.

 

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