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Sie würden gerne einmal eine freundliche Kolumne von mir lesen, nicht so bissig und zynisch? Sie möchten sich einmal an einer kleinen Liebesgeschichte erfreuen oder sich über ein nettes Erlebnis amüsieren anstatt entgegengeschmettert zu bekommen, dass Postkarten den Menschen in den Wahnsinn treiben? Vergessen Sie’s! Wenn Sie etwas Schönes lesen wollen, sind Sie heute an der ganz falschen Adresse bei mir. Beenden Sie die Lektüre ruhig, beklagen Sie ruhig meine negative Lebenshaltung, mir egal, tun Sie’s doch, ich zwinge Sie ja nicht, sich das hier einzuverleiben, wäre ich Sie, könnte ich mir das auch ganz gut verkneifen.
Verzeihung, verehrter Leser, bitte nehmen Sie diese Verbalattacken nicht persönlich, ich habe fürwahr nicht beabsichtigt, die Zahl meiner Stammleser von geschätzt einem viertel Dutzend noch weiter zu reduzieren. Dennoch müsste lügen, wollte ich Ihnen den wenig charmanten Einstieg als stilistische Raffinesse präsentieren. Nein, wir haben es hier nicht mit einem rhetorischen Wagnis zu tun, sondern mit Trotz. Krankheiten auf Latein-24.de Trotz – ein Gefühl, welches gerade den jüngeren unter Ihnen wohlvertraut sein dürfte. Es handelt sich um jene Regung, derer ich mich schwerlich zu erwehren weiß, wenn ich mit meiner Mutter über den Sinn des Lateinunterrichts im Kontext europäischer Linguistik disputiere: Ich: Latein ist keine Sprache, sondern eine Krankheit! Sie: Latein hilft dir in allen romanischen Sprachen. Ich: Ja, ja, das wird behauptet! Stimmt aber nicht! Sie: Du brauchst es auch, wenn du später mal studieren willst! Ich: Ja, ja, das erzählst du mir seit Jahren! Wetten, das braucht keine Sau! Sie: Guck’ nach! Latein-24.de ... Ich: Alles Scheiße! Tja, hätte ich vorher mal Arthur Schopenhauers „Eristische Dialektik – von der Kunst, Recht zu behalten“ gelesen. Habe ich aber nicht, daher bin ich argumentativ recht rasch am Ende – sofern sich denn ein Anfang ausmachen lässt. Das Garstige ist, dass sich der Trotz schnell auszudehnen pflegt. Dann ist nicht nur meine Mutter gemein, auch unser Chefredakteur ist recht widerlich, weil er so tut, als hasse ich Kinder, und mein Banknachbar ist es sowieso, denn er piekst mich im Unterricht. Geistiger Tiefstatus Aber eines Tages werde ich diese große böse Welt hinter mir lassen, als ein Felsen werde ich aufragen, anmutig und unverrückbar, umschmeichelt von den Wogen der Gesellschaft, auf denen mein klar Spiegelbild leuchten wird. Sehen Sie! Schon ist es passiert: Aus geistigem Tiefstatus resultiert die Tendenz, seine Wunschzukunft metaphorisch in der Welt im Wasser stehender Klötze anzusiedeln. Trotzige Stinktiere Ja, der Trotz – sollte ich eine Metapher für ihn finden, ich würde ein Stinktier wählen! Ein Stinktier verspritzt aus seinen Drüsen eine giftige Substanz. Gelangt selbige in die Augen, so beginnen jene zu brennen und man nimmt seine Umgebung verschwommen wahr, sodass sie einem fremd erscheint. Was einem fremd erscheint, das ist einem unangenehm, dagegen möchte man sich isolieren – wie in einer Trotzphase. Was? Sie finden meine Metapher vergriffen? Dann lassen Sie mich doch in Ruhe! Verschwinden Sie, hauen Sie ab!
(21/17.05.2009)
Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.
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