Als Goethes „Leiden des jungen Werthers“ erschienen, kam es in Mode sich exzentrisch zu kleiden, sich unglücklich zu verlieben und Selbstmord zu begehen, weil man sich mit dem jungen Werther identifizierte und der das schließlich auch tut. Aber damals war man ja auch nichts Anständiges gewohnt, klar, dass die Leute da bei einem brauchbaren Buch durchgedreht sind.
Aber heute – nachdem Goethe und Schiller uns mit ihren Werken gesegnet haben, nachdem die großen literarischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts von Wolfgang Borchert bis Günther Grass uns mit ihren Werken beehrt haben und die schlichteren Geister in einer Lawine an Schundliteratur ihre Befriedigung finden, sind wir in gewissem Sinne abgehärtet, zumindest wird wohl kaum ein Buch uns dazu veranlassen, unser Leben zu verändern, was, wie die Popularität des Suizids nach Erscheinung der „Leiden des jungen Werthers“ vermuten lässt, wohl auch ganz gut so ist.
Ein unschuldiges Buch Hätte ich Ihnen vor einigen Wochen gesagt. Damals. Damals, als ich es noch nicht gesehen hatte. Das Buch. Jenes Buch, das mein Leben verändern sollte, dessen Seiten mich durch einen Alptraum wandeln lassen würden. Ich werde ihn nie vergessen, jenen Tag, an dem ich es sah. Ganz unschuldig stand es in unserem Regal. Und als ich es aufschlug, ahnte ich nicht, was es mit mir anrichten würde.
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Es war Abend und ich kochte Spaghetti Alio en Olio. Spaghetti Alio en Olio ist ein recht primitives Gericht: Man kocht Nudeln und schwenkt sie in Olivenöl, in dem zuvor etwas Knoblauch andünstet.
Karl Kelschebach, Jg. 11, ist seit 2008 Chefkolumnist des NGO-Onlinemagazins.alle Folgen lesen
Höchste, erlesene Kunst Ich bereitete also Spaghetti Alio en Olio und griff willkürlich aus unserem Küchenregal ein Buch heraus. Es hatte den knackigen Titel: „Meisterküche im Elsaß - die Auberge de l’Ill“. Kaum hatte ich eines der hierin vorgestellten Rezepte erblickt, konnte ich nicht mehr aufhören es zu studieren. Ich war sprachlos. Dies war mehr als Kotelett mit Bratkartoffeln, mehr auch als Schweinebraten mit Rotkraut und Klößen – dies war Kunst, höchste, erlesenste Kunst! Da achtet man darauf, dass die Zutaten „eine innige Verbindung eingehen“ und legt Wert darauf, dass Aprikosen „in einem eigenen Bettchen versand werden“.
In der Auberge de l’Ill ahnt man nicht nur, dass 3-Sterne-Köche „ein handwerkliches Können besitzen, dass normale Erdenmenschen nie erreichen können“, sondern erkennt ebenso, welche „Beziehung zwischen Koch und ‚Nahrungsmittel’ bestehen kann, damit eben jener Funke überschlägt, der allein die Kreativität anregt. Es ist eine liebevolle, zärtliche Beziehung, aber auch eine respektvolle, eine Beziehung, die durchaus auch einen Hauch von Erotik hat. Eine Erotik, die handfest und derb scheint bei Kohl, subtiler sich äußert bei einem fleischigen Hähnchen und unendlich zart wird bei einem Salat, dessen empfindliche Blätter die Bewegungen der Hände kaum zu spüren scheinen“.
Ein einziger Alptraum Ich gestehe, dass ich, als ich beim Backen kurz darauf versuchte, während ich das Ei aufschlug, erotische Empfindungen zu spüren, kläglich scheiterte. Stattdessen wurde mir das Backen, eigentlich eines meiner Hobbys, zum Alptraum. Stets glaubte ich die mahnenden Worte des Chefkochs der Auberge de l’Ill zu hören: „Kein Backpulver, Stümper!“, „einen Mürbeteig knetet man von außen her, Versager!“ und als ich schließlich ein Päckchen künstlich aromatisierten Vanillinzuckers aufriss, glaubte ich zu spüren, wie der Kochlöffel auf meine Finger niedersauste und sah vor meinem geistigen Auge, wie mein Mentor mich von der Schüssel fortschob und mit echter Bourbonvanille weiterarbeitete, an der zuvor seine erotischen Bedürfnisse befriedigt hatte.
Ernüchterung Und er hat recht mich zu rügen, der Koch, dessen Würste „eine Botschaft“ vermitteln, er hat völlig recht! Ich bin ja nicht einmal imstande, Spaghetti Alio en Olio zuzubereiten:
Während ich im Geiste gerade Rinderfilet mit Trüffelscheiben aromatisierte, fiel mir plötzlich ein, siedend heiß wie das Wasser, worin man Hummer tötet, dass ich meine Nudeln vergessen hatte. Mürrisch aß ich meine klumpigen Nudeln mit verbrannten Knoblauchstückchen. (33/09.08.2009)
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