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Fies, aber funktionslos PDF Drucken
Kolumnen - Karl Kelschebach

In meiner Grundschule pflegte man sich gelegentlich auf äußerst wirksame Weise zu erheitern - wenn auch einem harmonischen Miteinander womöglich nicht immer zuträglich. Dass Kinder Reißzwecken so auf den Stühlen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler drapierten, dass jene sich auf deren spitze Seite setzten, sorgte immer wieder für Belustigung.

Ebenso löste der Aufschrei, der Kindern entfuhr, welchen man den Stuhl, worauf sie saßen, fortgezogen hatte, mit großer Regelmäßigkeit Schmunzeln aus. Als ausnehmend amüsant empfand man es auch, Gegenstände anderer zu entwenden und zu verstecken, um dann dabei zuzuschauen, wie Bestohlenen unter Tränen nach selbigen suchten.

Allerlei Kinderspäße
Recht originell war der Einfall zweier Mädchen, die mich einmal an die Hand nahmen und mich anwiesen, die Augen zu schließen, da sie mir etwas sehr besonderes zeigen wollten. Sie führten mich ein Stückchen, und als sie mich anwiesen, die Augen zu öffnen, stand ich in einem Hundehaufen.


Karl Kelschebach, Jg. 11, ist seit 2008 Chefkolumnist des NGO-Onlinemagazins.
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All diese putzigen Kinderfreuden haben eines gemein: Der Mensch weidet sich am Ergebnis seiner eigenen Schlechtigkeit, labt sich daran, dass er die Macht besitzt, anderen Leid zufügen zu können. Das ist vielleicht nicht sonderlich moralisch, aber ganz normal – ich freue mich auch immer, wenn ich jemandem schaden kann. Wilhelm Busch formuliert das so: „Ach, ich fühl’ es! Keine Tugend / ist so recht nach meinem Sinn, / stets befind’ ich mich am wohlsten, / wenn ich damit fertig bin. / Dahingegen so ein Laster, / ja, das ist mir ein Plaisir / und ich hab’ die hübschen Sachen / lieber vor als hinter mir.“

Die - Person
Soweit so gut. Aber jetzt mal etwas, was mir gerade wirklich unter den Nägeln brennt: Mein Computer funktioniert mal wieder nicht – ich habe keinen Internetzugang und einige Programme sind einfach futsch. Offenbar habe ich mir einen Virus einfangen. Und nun verraten Sie mir bitte einmal, welche – ich nenne es einmal ganz neutral „Person“, Fäkalsprache macht sich in journalistischen Texten nicht so gut – welche Person also sich damit beschäftigt, Viren zu produzieren!

Was meinen Sie, wie gerne ich zurzeit meine E-Mails läse! Was mich wirklich ärgert, ist aber gar nicht, dass man mir Schaden zufügt, das macht nun mal Spaß, wie wir wissen – nein, nein, vielmehr macht es mich wütend, dass mir jemand Schaden zufügt, ohne sich daran erfreuen zu können. Als man in der Grundschule meinen Schuh versteckte, konnte man ganz genau beobachten, wie ich durch die Gegend kroch, um ihn zu suchen. Die beiden Mädchen, die mich in den Hundehaufen führten, konnten so richtig genießen, mich fluchen zu hören.

Ungesehen auf das elende Ding einteufeln
Und dieses – also diese Person, die mir diesen Virus beschert hat? Was hat sie denn davon? Könnte sie mir dabei zusehen, wie ich meinen Computer beschimpfe, besinnungslos Kabel ein- und ausstöpsele, meine Mutter um Rat frage, die mich erst beschwichtigt und dann ebenfalls auf das elende Ding einteufelt, dann verstünde ich schon, wenn sie das ganz unterhaltsam fände. Aber sie sieht mir ja nicht zu! Sie wird nie erfahren, ob ich den Virus überhaupt erhalten habe.

Sie kann es sich allenfalls vorstellen und nicht mal das so richtig, weil sie ja gar nicht weiß, wie ich aussehe, geschweige denn, wie es sich anhört, wenn ich meinen Bildschirm anbrülle. Sich ausmalen, wie ein beliebiger Unbekannte sich über einen Virus ärgert, kann man doch genauso gut, ohne den Virus zu produzieren. Die Handlung, woraus der Schaden resultiert, ist also funktionslos, ebenso wie der Schaden funktionslos ist, weil nicht er selbst, sondern lediglich die Vorstellung davon, wie er sich gestaltet, die Seele ergötzt. Wozu also macht man so etwas? Falls Sie eine Erklärung haben, schicken Sie mir doch bitte eine E-Mail. Ach nein, das geht ja im Moment nicht. (35/22.08.2009)

Und was meint ihr dazu? Schreibt uns eure Meinung!

Bilder: © Pepsprog/PIXELIO; -tm (m.); Friedemann Richter/Jugendfotos.de (u.)

Bild: © Pepsprog/PIXELIO
 

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