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„Nun habe ich es also auch einmal bewusst wahrgenommen – wie wichtig, schön, grausam, vielfältig und mysteriös das Thema Sexualität ist“. Oh Gott. Diesen Satz habe ich selbst fabriziert? Muss ich wohl, er steht in meinem Tagebuch. Um ehrlich zu sein, erinnere ich mich daran, sogar einmal ziemlich stolz auf die blödsinnige Reihung von Adjektiven gewesen zu sein.
Ich war lange damit beschäftigt, möglichst viele Beschreibungswörter zu finden, die entfernt mit dem Thema, dem ich meinen Text widmete, zu tun haben könnten. Ich habe den Text übrigens nach einem Schwimmbadbesuch mit polnischen Austauschschülern verfasst. Während dieses Besuchs „war nämlich mit etwas begonnen worden, was ich persönlich wohl `polnische Rüpel ersäufen deutsche Mädels´ genannt hätte. Tatsächlich wurden meine Mitschülerinnen unter Wasser gedrückt, wobei zunehmend Berührungen der Brüste ins Spiel kamen...“ Außerdem hatte man „Mitschülerinnen in der Frisur herumgewühlt, wie die Wildsau in der Suhle“. Sie fragen, in was für einer Gesellschaft ich mich aufzuhalten pflege? Meinem Text könnten Sie entnehmen, ich verkehre mit „brutalen Mackern“, welche eine „vorrübergehende Befriedigung des Bedürfnisses nach einem sexuellen Erlebnis“ durch „ungezügelte Brachialgewalt“ erzwingen. Tatsächlich geht es um biedere Gastschüler.
Nur habe ich das ganz anders gesehen zu dem Zeitpunkt, da mich eine Mitschülerin zu besänftigen suchte, die Spielchen im Schwimmbad seien doch eher neckisch gemeint – wofür ich sie in meinem Tagebuch übrigens rüge. Sie ist nicht die einzige, die ich rüge. Ich tadele alle, die wenig Bedarf hatten, meine Anschauungen über Sexualität zu hören. Besonders gnadenlos urteile ich über einen Freund, der sich nicht scheute, die Augen zu verdrehen, nachdem ich zwei Tage lang bekundet hatte: „Eine gewisse Diskretion muss gewahrt werden!“ Er habe sich ganz offensichtlich „nie damit beschäftigt, das Thema Sexualität ist ihm peinlich. Er versucht mangelnde Empfindungen durch Überheblichkeit zu überspielen.“ Finden Sie es normal, dass ein Neuntklässler solche Äußerungen von sich gibt? Ich nicht. Sie haben keine Lust mehr, Zitate aus meinem Belehrungsaufsatz zu ertragen? Ich verstehe Sie ja – aber lesen Sie noch einen Augenblick weiter, jetzt kommt die Pointe! Mein Tagebucheintrag rührt nämlich nicht so sehr daher, dass ich mit dreizehn den bekagenswerten Umgang der Jugend mit dem Begriff der Liebe zu verändern beabsichtigte. Statt diesen knapp vier Seiten hätte ich auch den folgenden Satz schreiben können: „Scheiße, was bin ich eifersüchtig!“ (48/22.11.2008)
Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.
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