|
In dieser Woche widmet sich Karl Kelschebach den Vogelbeobachtern. Wieso die englischen "Birdwatcher" ihn mit Hohn angucken würden und warum sein Hobby in der Schule nicht gerade das Gesprächsthema ist, schildert er uns in seiner Kolumne. -kh
Sie gehören auch zu denen, die vorgeben, „`ein Rotkehlchen nicht von einem Spatzen unterscheiden zu können´“, ja? Sie „haben sich durch den ungewohnten `fachchinesischen´ Sprachgebrauch der Vogelexperten abschrecken lassen“, ja?
Wissen Sie eigentlich, dass Sie sich „ohne Grund einer Quelle reinsten Genusses verschließen“? Stellen Sie sich doch einmal folgende Situation vor: Sie gehen durchs Unterholz. Sie haben nasse Füße, denn es regnet, Ihre Stimmung lässt zu wünschen übrig. Und da, ganz plötzlich, fliegt ein Hühnervogel mit eingekerbten Schwanz vor Ihnen auf, rötlich grau-braun, mit dunkler Bänderung auch auf der Brust! Sie würden das Tier nicht einmal erkennen! Wären Sie hingegen ein Hobby-Birdwatcher würden Sie von dieser Begegnung mit dem Haselhuhn noch drei Jahrzehnte später schwärmen. Sie besäßen den „Peterson“, das Standartwerk zur Vogelbestimmung, dem die obigen Zitate entnommen sind. Sie könnten sich über Bergpieper und Grauwangendrosseln freuen – klingt das nicht verlockend
Hauptvertreter der Birdwatcher sind Briten Anfang Sechzig, freundliche, ausgeglichene Menschen, tendenziell schweigsam. Man trifft sie in der Landschaft stehend, wo sie sich brummelnd darüber verständigen, ob sie gerade ein Kleines Tüpfelsumpfhuhn oder ein Zwergsumpfhuhn beobachten.
Ich gebe an dieser Stelle zu, dass ich nicht in das Schema des klassischen Birdwatchers passe, weil ich weder Anfang Sechzig, noch Brite bin, und sich Ausgeglichenheit bei mir ebenso in Grenzen hält wie Schweigsamkeit. Die Hardliner unter den Birdwatchern würden mich wohl gar mit Hohn bedenken, weil ich nicht einmal die lateinischen Vogelnamen kenne. Auch bei der Bestimmung vieler Vögel fehlt es mir an Kompetenz. Klar kann ich einen Tortalk von einer Trottellumme unterscheiden, klar kann ich das Erscheinungsbild des Graubürzel-Singhabichts skizzieren. Doch überfordert es mich bereits, einen Olivenspötter von einem Blassspötter zu unterscheiden.
Und doch – die Vogelwelt begeistert mich immer wieder aufs Neue! Man muss so etwas einfach einmal erlebt haben: Man kauert hinter einer Mauer, hinter der – kaum dreihundert Meter entfernt – ein Trupp Großtrappen in der Wiese umherstreift.
Wobei ich einräume: Mein Hobby hat auch seine Nachteile. Etwa das der Ungewissheit. Wer gern Ski fährt und im Winter in die Alpen reist, der kann auch davon ausgehen, dass er sich seinem Hobby dort widmen kann. Doch wer einen Ausflug nach Helgoland unternimmt, der sollte sich nicht allzu sicher sein, dass er dort den erwünschten Petschorapieper antrifft.
Fast noch bedauerlicher ist die Tatsache, dass nur wenige die Leidenschaft für Vögel teilen. Habe ich in der Grundschule erzählt, ich habe eine Brandgans beobachtet, so konnte ich damit noch Eindruck schinden, sofern ich hinzugefügte, sie habe Küken dabeigehabt.
Doch wenn ich heute erzähle, ich habe einen Triel identifiziert... man zeigt mir den Vogel! (03.11.2008)
Karl Kelschebach, Jg. 11, ist NGO-Onlinemagazin-Autor.
Und was meint ihr? Schreibt uns und sagt uns eure Meinung!
|