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Hin und wieder fragt man mich, ob ich meine Kolumnen durchplane oder „einfach drauflos schreibe“. Ich tue dann so, als sei ich beleidigt und behaupte, jeder von mir verfasste Artikel unterliege selbstverständlich einem zuvor genau definierten Konzept. Im Prinzip stimmt es sogar, dass ich vorher darüber nachdenke, was ich in einen Text hineinschreibe. Das Problem ist nur, dass ich am Ende meist über etwas ganz anderes schreibe.
Kürzlich beispielsweise hatte ich die Absicht, meine Leser über die Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur zu belehren und hatte mir sogar einige Formulierungen zurechtgelegt, die meine Ausführungen in das goldene Gewand der Naturmetaphorik kleiden sollte - mit dem goldenen Gewand war hinterher nichts, weil ich mich aus unerfindlichen Gründen plötzlich über Höflichkeit ausließ.
Marxismus zum Kaffee
Für so etwas gibt es im Deutschen eine ganz schöne Formulierung: vom Hundertsten ins Tausendste kommen.
Wir kommen ständig vom Hundertsten ins Tausendste:
Gelegentlich treffe ich meine ehemalige Tagesmutter, um mit ihr Kaffee zu trinken. Jedes Mal beginnen wir damit, uns über ihren Schrebergarten zu unterhalten, und jedes Mal bringen wir es fertig, auf kurz oder lang zum Marxismus zu gelangen.
Wenn ich mit meiner Großmutter zusammen frühstückte, war völlig gleich, ob wir begannen uns über Schule, Spaziergänge, Kuchen oder Verstopfungen auszutauschen - in neunzig Prozent aller Fälle endete das Gespräch in einer Diskussion über Integrationspolitik. Dabei hatten wir uns, wenn ich mich recht entsinne, sogar ein paar Mal vorgenommen, nicht mehr zu politisieren, weil wir dabei meist lauter wurden, was für unsere Mitmenschen nervlich durchaus belastend war.
Die Kategorie Lappen
Karl Kelschebach, Jg. 12, ist seit 2008 Chefkolumnist des NGO-Onlinemagazins.alle Folgen lesen
Es ist, als lägen die Fäden, aus denen Gespräche gesponnen sind, in einer unsichtbaren Hand, die sie so miteinander verknüpft, wie die Willkür es ihr gebietet. Gelegentlich entsteht daraus freilich ein gleichmäßiges, wohlstrukturiertes, man möchte sagen: ein überraschend kunstvolles Gebilde. Öfter allerdings kommt durch diese Webarbeiten ein knittriger Lappen zustande. Dass in Talkshows die Kontrahenten auf die Frage, welches die Ziele der Umweltpolitik seien, weil sie sich da im Prinzip einig sind, schließlich lieber über den Afghanistaneinsatz streiten, zeigt, dass es der vernünftigen Auseinandersetzung mit einem Thema nicht immer zuträglich ist, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen.
Um die Problematik einmal auf den Schulalltag zu beziehen: Auch die zahlreichen Gruppenarbeiten, in denen man nach geraumer Zeit nicht mehr über Präsentationsstrukturen berät, sondern über Beziehungsprobleme (oder Partys oder Fleischplatten...) sinniert, gehören eher in die Kategorie „Lappen“.
Wissenssimulation
Teilweise ist die unsichtbare Hand jedoch schlicht dazu gezwungen, uns vom Hundertsten ins Tausendste zu treiben: Wenn wir über etwas sprechen sollen, worüber wir nichts wissen, bleibt uns nichts anderes übrig, als auf ein anderes Thema umzuschwenken.
Dazu gibt es einen netten Witz:
Hänschen (oder Fritzchen, habe ich vergessen) schreibt eine Biologiearbeit. Sehr intensiv bereitet er sich also darauf vor, die Physiognomie des Regenswurms darzulegen. Die Arbeit aber handelt dann gar nicht vom Regenwurm, sondern vom Elefant. Hänschen schreibt also:
„Der Elefant hat einen Rüssel, der an einen Regenwurm erinnert. Zur Physiognomie des Regenswurms ist in diesem Zusammenhang zu sagen...“
Übrigens - wo wir gerade bei Witzen sind: Kennen Sie den schon?
Steht eines Tages eine Todesanzeige in der Zeitung: „Jupp ist tot“ —
ich mache lieber Schluss, bevor ein Lappen aus der Kolumne wird. (4/23.01.2010)
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