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Kolumnen - Karl Kelschebach

kristallluesterDie These, das gesellschaftliche Sein bestimme das Denken, ist keineswegs neu und kommt auch leider nicht von mir. Dass allerdings bereits eine Lokalität unser Denken und sogar unser Verhalten gegenüber unserer Umwelt bestimmt, hat, so scheint mir, bislang noch niemanden sonderlich interessiert. Dabei müssen wir das täglich erfahren und erkennen…

Nehmen Sie nur einmal den Kramermarkt! Sie flanieren durch Pfützen, Erbrochenes, Scherben und Kondome, um sie herum bemüht man sich, Blechbüchsen umzuschmeißen, trinkt Glühwein oder speit ihn wieder aus, je nachdem, wie spät es ist, ein Losverkäufer preist Plüschherzen aus Asien, im Bierzelt zu ihrer Linken bekundet man die Einigkeit hinsichtlich der Überzeugung, einer gehe noch, während einige Sicherheitskräfte eine Dreizehnjährige abführen, ein Kind sucht kreischend seine Mutter, von irgendwoher fliegt ein Schuh – Sie befinden sich also auf dem Kramermarkt und genießen das Ambiente, da treffen Sie einen Mitschüler aus der Grundschule, der Sie damals mit Matschklößen zu bewerfen pflegte. Wie werden Sie nun reagieren? Werden Sie sich abwenden? Werden Sie ihm Vorwürfe machen, in der Erinnerung an die Kastanie, welche sich einst in einem seiner Schlammgeschosse verbarg? Natürlich nicht! Sie werden ihm auf die Schulter schlagen, mit den Worten: „Ey, wir kennen uns doch!“, er wird Ihnen beipflichten und ob der Kastanie einen Lachkrampf bekommen, auch Sie können nicht anders, als zu prusten, nicht wegen der Kastanie, sondern wegen der Reißzwecken, welche Sie gelegentlich auf seinem Stuhl drapierten, gemeinsam begeben Sie sich in das Bierzelt, darin man mittlerweile das regionale Kulturerbe pflegt („An der Nordseeküste“), trinken gemeinsam einen Schnaps und dann noch ein paar, rülpsen sich kameradschaftlich zu, derweil Sie sich über die Brüste der Kellnerinnen austauschen, was Sie zu einem kleinen Liedlein ermuntert („Zeig’ mir deine Möpse“) und sich dem von Rousseau beschriebenen paradiesischen Naturzustand nahe wähnen, da natürliche Gleichheit über soziale Unterschiede, persönliche Freiheit über gesellschaftliche Zwänge, Miteinander über Gegeneinander siegt – Prosit!

Wiederbegegnung im Opernsaal


Karl Kelschebach, Jg. 12, ist seit 2008 Chefkolumnist des NGO-Onlinemagazins.
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Vielleicht schlagen Sie sich auch stattdessen, ich weiß ja nicht, was Sie schon getrunken haben.
Und nun treffen Sie denselben Bekannten in der Oper. Von den Kristalllüstern, jenen gleißenden Lichtkörpern, schwebend unter dem Deckengewölbe, blitzt es auf tiefrote Sitze hernieder, deren Samtbezüge das sittliche Raunen der Gesellschaft zu tilgen scheinen, alles wahnsinnig kultiviert, vor allem Sie, versteht sich, mit ihrem im Lampengefunkel blütenweiß erstrahlenden Hemd und der dezent schimmernden Seidenkrawatte. Ihre Partnerin bemängelt eben den fehlenden Knopf am Bauchnabel, die Rüge mit einer Bemerkung über den Saucenfleck auf dem Schlips kombinierend, da kommt der Widerling, spießig wie sonst was, an seiner Seite ein feines Blondchen. Werden Sie ihm auf die Schulter schlagen? Werden Sie mit ihm durch den Opernsaal grölen? Werden Sie sich mit ihm prügeln? Natürlich nicht! Unter diesen Umständen! Sie sind gesittet. Sie sind kultiviert. Sie sind seriös. Und die Kastanie, die haben Sie durchaus nicht vergessen. Mag in Ihnen auch die Erinnerung an seinen Aufschrei wegen der Reißzwecken damals wie die schönste Arie aufsteigen, Sie werden Haltung bewahren, vor diesem Barbaren! Und versöhnen, das werden Sie sich ganz sicher nicht mit ihm, Sie haben es fürwahr nicht nötig, sich mit solch niederem Gelump abzugeben! Womöglich entweicht Ihnen ein distanziertes „Guten Abend!“, auf dass es ihm gleich einer Reißzwecke ins Herz (oder sonst wohin!) fahre.

Lokalität bestimmt die Situation

So ist das: Die Lokalität bestimmt unsere Situation und mit ihr unser Handeln, sie lenkt uns, sie spottet unserer Illusion von Ungebundenheit, zwingt uns zu Handlungen, welche unserer Vernunft, unserer Tugend, den edlen Gefilden unseres Wesens trotzen –
Was meinen Sie, was los wäre, wenn Sie den Bekannten aus der Grundschule unter einem Kastanienbaum träfen! (8/18.04.2010)
 

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