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Benjamin Lebert gehört mit seinen 27 Jahren zu den bekanntesten Autoren Deutschlands. Schon mit 15, vor 12 Jahren, veröffentlichte er seinen autobiografischen Debütroman Crazy, der zu einem weltweiten Bestseller wurde und sich über eine Mio. mal verkaufte. In vielen Deutsch-Lehrplänen wurde das Buch zur Pflichtlektüre. Inzwischen hat Lebert einiger weitere Bücher vorgelegt. Vor einigen Wochen erschien sein neuer Titel Flug der Pelikane.
Einfach lesbar waren Benjamin Leberts Romane noch nie. Schon in Crazy, einer melancholischen Bestandsaufnahme in Sachen Freunde, Verzweiflung und Sex, arbeitete er mit unzähligen Sprüngen in Zeit und Perspektive. Angelegt ohne klare Rahmenhandlung, konzentrierte sich die Wahrnehmung der Leser ganz auf das Seelenleben der Hauptfigur.
Wieder wichtig: Das Seelenleben Was damals noch schwer lesbar wirkte, wird in Leberts neuem Buch Flug der Pelikane zur Kunst. Der Hamburger Studienabbrecher Anton reist darin zu seinem Onkel Jimmy nach New York. Er hilft in seinem Schnellimbiss, dem „Luncheonette″, als Servierer aus und erfährt dabei eine Menge über das Seelenleben der Angestellten und deren Kundschaft.
Onkel Jimmy ist aber nicht nur Imbissbesitzer. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit der legendären kalifonischen Gefängnisinsel Alcatraz. 1962 brachen dort mehrere Gefangene aus, seitdem sammelt Jimmy alles, was er in Büchern und Zeitschriften dazu findet. Er ist von der Idee besessen, die Ausbrecher von damals könnten heute in New York leben. Stets wähnt er sich dicht auf ihren Fersen. Sogar Anton spannt er neben der Arbeit in die Suche ein.
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Benjamin Lebert (im März 2009 in Leipzig) |
Mitleid mit Mördern Eng verflochten mit dieser Erzählperspektive sind quasidokumentarische Schilderungen des Gefängnisalltags in den Sechziger Jahren. Lebert beschreibt diesen so intensiv, dass man beinahe Mitleid mit Serienmördern bekommen könnte. Auf einem wieder anderen Erzählniveau beschreibt Lebert die Kindheit der späteren Ausbrecher. Gekonnt verwebt der Autor dies mit der Vorgeschichte seines Protagonisten Anton: Der lässt sich, von Wahnvorstellungen geschüttelt, in eine Hamburger Psychiatrie einliefern. Dort lernt er Mitpatientin Eleanor kennen - die beiden verlieben sich, aber die fragile Beziehung geht bald wieder in die Brüche.
All dies wirkt auf den ersten Blick chaotisch, offenbart aber spätestens im letzten Buchdrittel die „kompositorische Rafinesse″, die der Klappentext bewirbt. Der Gefägnisalltag überlagert sich mit dem Stationsalltag in der Psychiatrie. Die Monotonie dort zeigt Parallelen zu Antons ziellosen Streifzügen ducrh New York auf.
Wenig Spannung, viel Charakter Benjamin Lebert ist kein Autor, der viel Wert auf Spannungsaufbau legt. Speziell die ersten 100 Seiten weisen Längen auf, die er aber durch gekonnte Charakterisierungen mehr als wett macht. Lebert gelingt es, einer Figur mit wenigen Sätzen so viel Leben einzuhauchen, dass sie einem wie ein alter Bekannter vorkommt.
Alles in allem eine literarische Weiterentwicklung: Das Zentralmotiv des rastlosen und in der Welt verlorenen Jugendlichen (Crazy, Kannst du) ist endgültig einer melancholischen Bestandsaufnahme des Verhältnisses Jung-Alt, Damals-Heute gewichen. Schon deswegen lohnt es sich, abseits des Roman-Zerrupfens im Deutschunterricht einen Blick in den Flug der Pelikane werfen. (15/05.04.2009)
 Benjamin Lebert Flug der Pelikane Roman, 2009 188 Seiten (gebunden) | 14,95 € Kiepenheuer & Witsch ISBN 978-3-462-04095-1
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