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Gefallene Helden und Kameramänner PDF Drucken
Kultur - Neue Bücher

 

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Extra früh sind meine Freundin und ich zur Exerzierhalle am Pferdemarkt gekommen und warten auf den Einlass. Die Massen drücken gegen uns. Auch dieses Mal ist der Poetry-Slam gut besucht. Die wenigen Karten waren schnell weg, aber zum Glück haben wir unsere bereits Anfang des Monats gekauft. Poetry-Slam, werden sich jetzt bestimmt einige fragen, was ist das denn? Poetisches Niedermachen? Tja, ähnlich ging's mir auch, als mir vor einem erzählt wurde: Ende Oktober ist Poetry-Slam.

"Ich war letztes Jahr da und es war einfach klasse. Hast du nicht Lust mitzukommen?", fragte meine Freundin. Immer offen für Neues, wie ich nun mal bin, entschied ich mich für Ja. Klang schließlich interessant. Und nachdem wir in den Veranstaltungsraum gestürmt sind und auf unseren mittigen Plätzen sitzen, eröffnet sich mir die Welt des Poetry-Slams.

Von „nicht ganz so gut" bis „ganz ordentlich"
Acht Teilnehmer haben jeweils sieben Minuten, um sich auf der Bühne darzustellen. Hierbei ist es natürlich wünschenswert und hilfreich, auch etwas Poetisches vorzutragen. Nach Beendigung des Beitrags urteilt eine Jury, ob die Vortragsweise, die stilistischen Mittel und die Pointen ihr gefielen. Bei der Jury liegt nun allerdings der Hase im Pfeffer. Gerecht, wie bei solchen Veranstaltungen nun mal alles immer ablaufen soll, werden fünf Freiwillige ausgewählt. Sie erhalten nun einen Block, auf dem sie ihre jeweilige Bewertung festhalten sollen. Dabei stehen null Punkte für „nicht so gut" und zehn Punkte für „ganz ordentlich". Da es in den letzten Jahren immer wieder zu Komplikationen wegen unzureichender Schriftgrößen gekommen war, hatten die Veranstalter vorgesorgt und riesige Zahlen auf fünf Blankoblöcke gemalt.

Nach dem Beitrag hält jedes Jurymitglied seine persönliche Bewertung hoch, aus den einzelnen Zahlen ergibt sich das Gesamtergebnis. Nachdem alle fertig sind, müssen die drei besten noch einmal im Finale drei Minuten lang ihr Können unter Beweis stellen. Danach wird über das Klatschen des Publikums der Sieger ermittelt.

Kurzfristige Absage und jede Menge Punkte
Bevor nun aber der eigentlich Slam beginnt, zeigt der Vorjahressieger Sven Kamin, warum er damals überhaupt gewonnen hat. Die humoristische Darstellung des Lidl-Skandals schraubt unsere Erwatungen an die übrigen Teilnehmer enorm in die Höhe. Diese werden aber noch von Pauline Füg übertroffen. Die hatte in den letzten Jahren am überregionalen „SLAM-Wettbewerb" teilgenommen und dabei immer wieder die Finalrunden erreicht. Außerdem hatte sie einen Fernsehauftritt bei einem vom WDR veranstalteten Slam hinter sich. Die undankbare Aufgabe des Eröffnens hat hingegen Christian Bruns, der selbst einen Slam im Polyester organisiert. Der selbstreflektierende Beitrag wird trotz der Bitte der Moderatoren, nicht zu streng zu sein, sehr zurückhaltend bewertet. 35 Punkte. Aber noch hoffen wir, dass die Jury wohl alles ins Verhältnis setzen wird.

Der zweite Beitrag folgt schnell. Bleu Broode begann mit "Schrei nach Liebe" („UÄHHHHHHH"- das war es dann schon) und schleuderte nach diesem gelungenen Auftakt gleich noch eine Auseinandersetzung mit seinen Kindheitshelden hinterher (komischerweise landete er immer wieder bei einer indischen Schuhmanufaktur, die von Dornröschen betrieben wurde). Nette 42 Punkte.

Emotionen pur
Die darauf folgende Rednerin ist unterdessen aus dem Raum gestürmt und hat ihre Teilnahme kurzerhand abgesagt. An ihre Stelle rückt Marlene Stamerjohanns von Startnummer 4 auf 3. Mit plattdeutschem Dialekt trägt sie ein Gedicht über pädophile Geistliche und uneheliche Kinder vor. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern hat Marlene die 30 schon weit überschritten und sorgt mit ihrer Unverblümtheit für schockierte Lacher. 43 Punkte. Gut, aber im Verhältnis zu den anderen… Ansichtsache.  Dann folgt die Pause. Zuerst entscheiden wir uns dazu, ein wenig frische Luft zu schnappen. Doch leider haben sich das die Raucher auch gedacht und schnappen fleißig, so dass für uns nur noch die kalte, verqualmte Luft übrig bleibt und wir schnell wieder nach drinnen flüchten.

Wir beobachten die Kameraleute vom Lokalsender OEins. Zu einem unbekannten Zeitpunkt, so sagt es das Moderationsteam, wird der Slam im Oldenburger Lokalsender zu sehen sein. Als sich alle wieder auf ihren Plätzen eingerichtet haben, startet Pauline die zweite Halbzeit mit einem Gedicht, das mich fast alles andere vergessen lässt. Ein Liebesgedicht an den Hörspielhelden schlechthin, Justus Jonas. Meine Sympathien haben zwar immer mehr bei Bob Andrews gelegen, aber trotzdem: Justus Jonas! Immer noch fasziniert bekomme ich von Svens zweitem Auftritt kaum etwas mit. Dann kann ich dem Wettbewerb wieder folgen.

Ein etwas anderes Finale
Es folgt Boran Wehlau, Mitglied der „Arm und Hässlich"-Crew, der mit raffinierter Gestik seinen tiefsinnigen Beitrag untermauert (29 Punkte, hä? Komische Jury).  Danach tritt Annika Blanke aus Leer auf, die in einer unglaublichen Geschwindigkeit von ihrem WAAHHHHCKEN-Erlebnis (sic!) berichtet (42 Punkte). Dicht gefolgt vom Ulptsmichel, dessen Lieblingswörter wohl „Scheiße" und „Peter Maffay" sind. Auch er erhält 42 Punkte.

Das Schlusslicht bildet Jan Kai Goldberg aus Münster, der von einer nicht ganz so erfolgreichen Wohnungssuche und einer absurden Freizeitbeschäftigung berichtet. Die gnädige Jury gab 33 Punkte. Die Finalisten stehen nun fest. Doch was ist das? Drei Teilnehmer hatten 42 Punkte, Marlene liegt bei 43 Punkten. Ok, dann sind es eben vier Kandidaten, die sich deswegen besonders kurz fassen müssen.

Ein Liebesbrief an die Mathelehrerin
Bleu beginnt. Besonders einfallsreich ist der Liebesbrief an seine Matheleherin.  So ist mir vorher noch nie in den Sinn gekommen, dass Worte wie „Logarhithmus", „gleichschenkliges Dreieck" und „rechter Winkel" so vielseitig benutzbar sind.

Marlene legt mit einem Beitrag über Sex im Alter nach. Annika ereifert sich über die Bahn, der Ulptsmichel ebenso über eine nervige Mücke. Nun werden die Finalisten nach vorne gebeten, die Spannung steigt ins Unerträgliche. Alles hängt nun am Publikum, das durch sein Klatschen den Sieger bestimmen wird.

Unter lautem Applaus wird dann Bleu zum Gewinner erklärt und erhält den Hauptgewinn: einen bezahlten Gastauftritt beim nächsten Slam. Den zweiten Platz ergattert Marlene, den dritten teilt sich der Ulptsmichel mit Annika. Die Zeit ist nur so verflogen, der Slam war extrem kurzweilig und wäre es definitiv wert, erneut besucht zu werden. Doch dann werde ich mir auch einen Jury-Block schnappen - und ganz nach dem Motto der Veranstalter für „mehr Slam" sorgen. (02.11.2008)

WEBLINKS
Falls ihr das nächste Mal auch dabei sein oder sogar selbst auf der Bühne stehen wollt, guckt doch einfach mal unter dieser Adresse:
@ www.poetry-slam.de

 

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