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Kultur - Theater

kleist1„Heinrich von Kleist“ – so lautet das verbindliche Rahmenthema im Deutschunterricht des 12. Jahrgangs für das Zentralabitur 2011. Für eine szenische Lesung der Novelle „Das Erdbeben in Chili“ fand sich der Oldenburger Schauspieler Olaf Nollmeyer in der Aula des Neuen Gymnasiums ein – unser Autor Karl Kelschebach hat die Veranstaltung besucht.

Ob wohl Heinrich von Kleist, als er 1808 seine Novelle „Das Erdbeben in Chili“ verfasste, der armen Interpreten gedachte, welche das Werk einst auswendig würden vortragen müssen? Jener Unglücklichen, welche, gleich, als ob sie das Kreuz selbst sei, die Last unzähliger Komparativsätze würden schultern müssen, zu denen ganze Rotten von Relativsätzen stoßen, sich mit die zitternde Seele bedrängenden Partizipialkonstruktionen und Appositionen, Gott allein kennt die Zahl derselben, zu Sätzen zusammenfügend, die selbst den tapfersten Krieger würden niederwerfen, bis dass er, von ohnmächtigem Schmerz ergriffen, die Mutter Gottes um Gnade würde anflehen?
Wir wissen es nicht – Kleist soll ja überhaupt ein schwieriger Mensch gewesen sein. Schwierig auch die Lage Jeronimo Rugeras und Josephe Asterons, der Hauptfiguren im „Erdbeben in Chili“:
Der Spanier Jeronimo verliebt sich in seine Schülerin Josephe, Tochter einer der reichsten Familien St. Jagos. Erzürnt über ihre Liebe zu Jeronimo, schickt ihr Vater Josephe ins Kloster, wo Jeronimo sie eines Nachts aufsucht und schwängert (Kleist drückt es etwas anders aus). Die junge Mutter wird ob dieses Skandals zum Feuertod verurteilt, Jeronimo sperrt man ein. Eben beginnt der Hinrichtungszug Josephes, eben will sich Jeronimo erhängen, als ein Erdbeben die Stadt erschüttert, aus der beide noch gerade entkommen. In einem Tal, nahe des Schauplatzes der Verwüstung, finden sie einander unversehrt wieder. Sie treffen den Bekannten Don Fernando und seine Familie, von der sie mit großer Herzlichkeit aufgenommen werden. Ihr Glück scheint vollkommen, da machen sich die Einwohner St. Jagos zu einer Dankesmesse in ihrer Dominikanerkirche auf, wo man Jeronimo und Josephe als die „Sünder“ erkennt, denen das Erdbeben das Leben rettete. Erst wird Jeronimo erschlagen, dann auch Josephe, welche, wissend, dass Schustermeister Pedrillo sie nicht werde schonen, Don Fernando den Sohn Philipp anvertraut. Es folgt ein blutiges Gemetzel, in dem Don Fernando seinen eigenen Sohn Juan verliert. Philipp kann er vor dem Tode bewahren.

Schemel vor beige-grauem Vorhang

Angesichts dieser Dramatik mag mancher ein pompöses Bühnenbild als Hintergrund für die szenische Lesung der Novelle erwarten, sich Leinwände mit Renaissancedarstellungen der verwendeten religiösen Motive, der Apokalypse, dem Paradies und der Hölle vorstellen, sich womöglich gar Filmsequenzen ausmalen, die während besonders nervenaufreibender Passagen eingespielt werden.
Er wird einen Schemel vor beige-grauem Vorhang vorgesetzt bekommen. Gut so! Der Duktus Kleists ist raffinierter als der eines Bühnenmalers, seine Bilder sind eindringlicher als die eines Beamers. Eine aufwändige Kulisse lenkte davon nur ab.
Weniger gelungen dagegen die Kostümierung des Interpreten: Verhielten sich der graue Fleece-Pullover und die beige-farbene Hose nicht tarnfarben zum erwähnten beige-grauen Vorhang, könnten gutwillige Betrachter in ihnen womöglich ein minimalistisches Wagnis erkennen, so aber lassen sie den Vortragenden langweilig unauffällig erscheinen, was auf der Bühne dann doch nachteilig ist.
Seine reichlich unspektakuläre Optik weiß der Schauspieler allerdings gekonnt zu kompensieren: Die Mimik ist, gerade weil zurückhaltend, hervorragend eingesetzt: Beschreibt er, wie „die Flamme schon (leckte), in Dampfwolken blitzend“, so verzerrt er das Gesicht zur teuflischen Fratze, was der Idee der Apokalypse, die hier durchschimmert, gerecht wird, erzählt er von der Stille zu Beginn der Dankesmesse, so zeigen seine geschlossenen Augen, wie wohltuend jene nach den überstandenen Turbulenzen ist.
Ebenfalls er schlicht, allerdings sehr passend und offenbar bewusst eingesetzt die Gestik: Kommt er auf Jeronimos Vaterglück zu sprechen, blickt der Schauspieler auf seine geöffneten Hände, worin die Fantasievolleren unter den Zuschauern sich den kleinen Philipp, zart und zerbrechlich und doch so viel Lebendigkeit in sich tragend, vorstellen, gibt er den Inhalt der Predigt in der Dominikanerkirche wieder, parodiert er mit gewaltiger Gebärde und himmelwärts gerichtetem Blick den Pathos des Chorherrn.
Was sich bereits in Mimik und Gestik zeigt, wird am deutlichsten durch die Stimme: Der Vortragende oralisiert nicht lediglich das Werk, er interpretiert es zugleich:
Er betont einzelne Wörter wie „Schrecken“ oder „Hoffnung“, indem er sie besonders laut oder leise, silbenbetont oder durch Pausen eingegrenzt, spricht. Gelegentlich handelt es sich dabei um Begriffe, die der flüchtige Leser kaum wahrnimmt: Da ist etwa das „wollüstige“ Lied der Nachtigall, die im Granatapfelbaum singt. Während mancher in „wollüstig“ hier einzig ein Attribut zum Gezwitscher der Nachtigall sähe, legt die besondere Akzentuierung durch den Schauspieler nahe, dass der als harmloses Beschreibungswort daherkommende Begriff sich durchaus nicht allein auf das Verhalten des Vogels bezieht...

Anspruchsvoller Vortrag

kleist3Als anspruchsvoll darf man wohl auch die Vortragsweise bezeichnen, mit der die Wiedervereinigung der Liebenden dargestellt wird. Ist man auch spätestens bei Jeronimos Ausruf „Oh Mutter Gottes, du Heilige!“ zu überschwänglicher Theatralik geradezu provoziert – der Vortragende verzichtet auf große Mimen und Gesten, trägt langsam, ja stockend vor, sodass es beinahe düster wirkt. Er lässt ahnen, dass das „Wunder des Himmels“, dem die beiden Danken, sie schließlich doch nicht vor dem  Tod schützen wird.
Interpretation liegt auch den Stimmimitationen zugrunde: Sie lassen uns einen Zug an Kleist entdecken, den wir gemeinhin gar nicht bemerken: Seinen Sarkasmus.
Die dumpfe, bebende Stimme, mit welcher der Schauspieler die Predigt in der Dominikanerkirche beschreibt, zeigt, dass Kleist des Chorherrn spottet, wenn er ihn umständlich des Frevels erwähnen lässt, „der im Klostergarten der Karmeliterinnen verübt worden war; die Schonung, die er bei der Welt gefunden hatte, gottlos (nennen) und in einer von Verwünschung erfüllten Seitenwendung die Seelen der Täter, wörtlich genannt, allen Fürsten der Hölle (übergeben)“ lässt. Die hohen Frauenstimmen, die in der Kirche ertönen, zeigen auf, was von der scheinbar so gottesfürchtigen Lebensweise der Einwohner St. Jagos zu halten ist. Denn was ruft man da eigentlich so glockenhell? „Steinigt sie! steinigt sie!“
Überdies untermalt die Stimmimitation die Charaktere der Figuren: Während Meister Pedrillo, dieser „fanatische(r) Mordknecht“, gepresst und undeutlich spricht, redet Don Fernando, jener „göttliche Held“ klar und sauber prononciert.
All dies wiegt stärker als die wenigen Schwächen der Inszenierung: Als die Theatralik, die, bei einem so dramatischen Text zuweilen ausgeprägter sein dürfte; als die Pausen, die gelegentlich doch arg großzügig eingesetzt werden; als die Tatsache, dass am Ende das falsche Kind erschlagen und dennoch anschließend adoptiert wird, ungeachtet des Umstandes, dass man bereits mit Bedauern zugesehen hatte, wie sein Mark aus dem Hirne hervorquoll; stärker selbst als die unterschiedlichen Vortragsweisen im ersten und zweiten Teil der Inszenierung, die wohl einer kurzen Erläuterung bedürfen.

Kein behutsames Vorgehen

Der erste Abschnitt der Inszenierung ist von einem langsamen, sehr schlichten Tonfall geprägt, bevor sich der zweite weitaus dynamischer vorgetragene anschließt. Den Zuhörer sacht an die Materie heranführen, ihn behutsam darauf einstimmen, ihn dann und wann ein wenig langweilen, damit die Spannung umso größer ist, wenn’s zur Sache geht – gewiss, man kann das so machen. Allein: Kleist hat, mögen sich auch Merkmale des Aufbaus des klassischen Dramas in seinem Werk wiederfinden, das Gegenteil getan:
Bereits im ersten Satz hat Jeronimo die Absicht, sich zu erhängen, und kaum sind beide Protagonisten vorgestellt, haben sie denn auch gleich Geschlechtsverkehr, sodass im fünften Satz das Kind kommt. Sachtes Heranführen an die Materie? Behutsame Einstimmung?
Von wegen!
Indes mindert der ungeschickte Aufbau nicht die Qualität des Vortrages selbst, der wie gesagt, brillant ist.
So hätte man vom Publikum wohl etwas mehr als den höflichen Applaus erwarten dürfen. Dass einige Zuschauer offenbar Action vermissten, liegt nicht an der Ausgestaltung, sondern an der Form der Inszenierung – eine szenische Lesung ist eben kein Theaterstück. Dass sie dennoch voll Witz und Bewegung, voll Spannung und Tiefe stecken kann, sollte die Inszenierung manchem deutlich machen. (7/21.03.2010)

Karl Kelschebach ist Schüler des 12. Jahrgangs am NGO.

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