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„Wir unterlassen jegliche Gewalt gegenüber Pflanzen, Tieren und natürlich Menschen!“ Kein gutes Haar lässt der Kurs „Darstellendes Spiel“ an den zahlreichen Klassen- und Schulregeln des Neuen Gymnasiums. Für den Festakt haben die Schüler/-innen des 12. Jahrgangs dazu diverse szenische Beiträge erarbeitet und überzeugen mit ihrem bissigen Spott viele. Sie bilden den Rahmen der zweieinhalbstündigen Feier des 50-jährigen Jubiläums am NGO, die nicht ausschließlich feierlich, sondern auch erstaunlich politisch gerät.
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| OB Schwandner (l.), Herold |
Es ist schon erstaunlich, wer an diesem Montag alles den Weg ins NGO gefunden hat: Bundestagsabgeordnete, Lokalpolitiker wie Oberbürgermeister Gerd Schwandner und diverse Kooperationspartner und Sponsoren. Ein Vertreter des Kultusministeriums ist genauso eingeladen wie der erste Abiturjahrgang des Neuen Gymnasiums. Mit ihnen wohnen auch ehemalige Schüler/-innen und Lehrer/-innen der Veranstaltung bei. Was sie alle am Ende zu sehen bekommen, werden aber nicht nur lange Reden, sondern auch subversiver Spott von Schülerseite sein.
Etwas bemüht launiges Grußwort
„Abreißen und neu bauen“ ist denn auch das Fazit des ersten der zahlreichen szenischen Beiträge des Oberstufen-Kurses „Darstellendes Spiel“, der durch die Veranstaltung führte. Er kritisierte mit kaum verhohlenem Spott das seiner Ansicht nach mangelnde Engagement von Stadt und Land, gerade, was die Qualität des Unterrichts anginge. Dem mag sich Oberbürgermeister Gerd Schwandner (parteilos) nicht anschließen. „Wir sind als Stadt nur für die Hardware zuständig“, so Schwandner in seinem etwas bemüht launigen Grußwort. Stattdessen geht er auf die zahlreichen Projekte des NGO ein, er erwähnt die Partnerschaft mit Burkina Faso und das bilinguale Angebot.
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„Wir sind hier und wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“, schallt es an dieser Stelle aus einem Megafon. Einigen geladenen Gästen stockt der Atem. Eine Demonstration? Ein aufgewärmter Schulstreik, mitten in den Feierlichkeiten zum Jubiläum? Nein, ganz so spontan erhebt sich der Protest dann doch nicht: Die Schauspieler des Theater-Kurses schwenken zwar Protestplakate und brüllen Parolen, bringen ihre schauspielerische Opposition aber doch recht zivilisiert (und wie geplant) auf der Bühne zum Ausdruck. Turbo-Abi, G8, überforderte Schüler/-innen - die Vorwürfe sind bekannt. Nächster Redner: Rolf Bade, Ministerialrat und als Vertreter der Ministerin für das Kultusministerium in Hannover anwesend. „Na, das kann ja heister werden“, schnauft Bade und liest eines der Protestplakate vor, mit denen Ministerin Heister-Neumann auf die Schippe genommen wird. Das Gelächter im Saal wirkt etwas gequält. Schulleiter Herold reicht Ministerialrat Bade von unten ein Glas Wasser.
Zeit der großen Veränderungen vorbei
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| Bade |
In seiner langen Festrede („Ich komme auch noch zu G8“) blickt Bade erst einmal zurück. Er verweist auf die Zeitgeschichte und zitiert Daniel Kehlmann, kommt dann aber tatsächlich auf die Schulpolitik der niedersächsischen Regierung zu sprechen. „Organisatorisch und fachlich wurde der Schule viel abverlangt“, meint er. Dazu hätten die neue Organisation der Oberstufe, die Einführung des Zentralabiturs und die Abschaffung der Orientierungsstufe gezählt. Jetzt sei die Zeit der großen Veränderungen aber erst einmal, führt Bade aus. „Es gibt in Zukunft und auf die Schnelle keine neue Stundentafel, darauf können Sie sich verlassen.“ Verbesserungen könne es allein bei der Qualität geben, daher hätten die Schüler/-innen gerade auch „richtigerweise“ noch einmal demonstriert. Bade wagt eine vorsichtige Vorausschau: In den nächsten Jahren ständen zahlreiche Veränderungen ins Haus. Beispielsweise gehe die Zahl der Schüler/-innen (Prognose: 16 Prozent minus) zurück, die Verantwortung des Schulträgers (also der Stadt Oldenburg) werde dagegen wachsen. Bildungszeiten würden in Zukunft früher beginnen und enden (siehe „Turbo-Abi“). Die Diskussion werde in Zukunft weniger darum geführt, ob das Schulsystem nun gegliedert oder nach Art der IGS integriert sein sollte. Vielmehr gehe es etwa darum, internationale Zusammenarbeit zu fördern und Angebote wie ein Frühstudium zu entwickeln. Das so entworfene Bild sei eine „eher reale Utopie“.
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Wichtig ist Herrn Bade etwas anderes: Das Gymnasium als Schulform ist für ihn ein Ort, an dem es die Unterscheidung zwischen „harten Fächern“ wie Mathematik und „weichen Fächern“ wie Religion nicht mehr gibt. Das Gymnasium dürfe daher kein Ort sein, an dem bestimmtes Wissen, etwa zu literarischen Klassikern, als überflüssig dargestellt werde. An dieser Schulform liege es auch, den Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Erfolg der Schüler/-innen zu durchbrechen. Zu guter Letzt gibt Bade dem NGO noch einige Wünsche mit auf den Weg. Er wünscht sich die „erforderliche Offenheit“ anstelle einer zu engen Auslegung gymnasialen Denkens, außerdem „Selbstbewusstsein und Bescheidenheit im Erfolg“.
Pappmaschee aus dem Hausmeister-Kochtopf
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| M!NGO |
Aus einer ganz anderen Perspektive berichtet im Anschluss an den poppigen Auftritt der Junior-Band „M!NGO“ ein ehemaliger Kunstlehrer des NGO. Der 82-Jährige hatte den Bau des Neuen Gymnasiums als junger Lehrer miterlebt. Er beschreibt seine Erinnerungen aus einer Zeit, die den Menschen am NGO von heute seltsam vorgekommen wäre. „Ich habe mir bei der Frau des Hausmeisters einen Kochtopf geliehen, um in der fünften Klasse Pappmaschee herzustellen“, erzählt er. Auch beim Bau der Aula Anfang der 60-er-Jahre habe man sich anderer Methoden als heute bedient: Schüler hatten die Möglichkeit, gegen Bezahlung Hilfsarbeiten auf dem Bau auszuüben. Jeden Montag hätte eine andere Lehrkraft eine Kurzandacht in der Pausenhalle abgehalten. Danach habe der Schulleiter immer einige Worte an die Schülerschaft gerichtet.
Den guten Mix aus ruhigen und schwungvollen Programmelementen setzt NGO-Schüler und Jugend-Musiziert-Gewinner Leo Hajek fort. Mit einer ruhigen, aber doch sehr anspruchsvollen Xylofon-Performance sorgt er erst für Totenstille und dann für tosenden Beifall in der Aula, bevor noch einmal weitere Rednerinnen und Redner ans Pult treten.
Noch schlauere Häuser
Jakob Curdes, Vorsitzender des Schulelternrates, hebt die Vorzüge der Arbeit in den Gremien des NGO hervor. Er lobt die seiner Ansicht nach überwiegend sachliche und ergebnisorientierte Auseinandersetzung. Daneben dankt er Sponsoren der Schule, beklagt aber dennoch die Größe der Klassen. Auch die Raumsituation sei tatsächlich mangelhaft. Noch schärfer formuliert diese Kritik Elvira Steiner, Jg. 10, als Sprecherin der Schülervertretung (SV). Sie verstehe nicht, warum die Stadt Geld für ein „Schlaues Haus“ gehabt hätte, nicht aber für andere „schlaue Häuser“ - die Schulen. Mit diesem Statement erntet Steiner tosenden Applaus, nicht zuletzt auch, weil die Schulinspektion erst vor wenigen Tagen die Schule dazu aufgefordert hatte, die Stadt Oldenburg stärker in die Pflicht zu nehmen (wir berichteten). In der ersten Reihe wird nicht geklatscht.
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Beschlossen wird der Festakt mit einem Chor aus Schüler/-innen und Lehrer/-innen und einer weiteren Rede von Schulleiter Herold. Dessen Fazit fällt am Ende natürlich positiv aus. „Die Veranstaltung zum Jubiläum hat gezeigt, wie lebendig wir sind, wie kreativ wir sind und dass nicht immer alles ganz ernsthaft gehen muss.“ Mit ihren witzigen, kritischen Bemerkungen habe die Theater-Moderations-Gruppe Schulthemen elegant aufgegriffen. Auch der „hochkarätige Redebeitrag" von Ministeriumsvertreter Bade habe dazu beigetragen.
„Das erwarte ich von einem Gymnasium“
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| Schwandner |
Nur einer ist am Ende des Festaktes nicht ganz so zufrieden. Oberbürgermeister Schwandner beteiligt sich nicht an der Schlacht ums Büffet. Er sitzt alleine auf einem Stuhl und tippt auf seinen Blackberry ein. Eigentlich muss er schon seit einer Stunde zu einem anderen Termin und hat keine Zeit. Die an der Stadt geäußerte Kritik weist er dennoch als falsch zurück: „Man muss einfach wissen, woher das Geld kommt - das ist ja nicht der städtische Haushalt.“ Die Lage sei schwieriger geworden, meint Schwandner weiter. „Auch als Schüler muss man ein bisschen die Zeitungen lesen und sehen, wie die finanzielle Situation der Stadt ist. Die eigenen Wünsche muss man dazu in Relation bringen. Das erwarte ich von einem Gymnasium.“ Ohnehin mache man „sehr, sehr viel“. Das ganze Konjunkturpaket werde fast ausschließlich in die Schulen gesteckt. Mit der Kritik müsse man umgehen, aber im Vergleich zu anderen Städten könne man sich gut sehen lassen. „Dass es einigen nie gut genug ist und dass es manchmal zu langsam geht - das ist eben so in der Welt.“
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Fernab aller politischen Debatten ist die Veranstaltung, an der auch das Kollegium der Lehrkräfte und die Klassensprecher/-innen teilnehmen, eine runde Sache. Besonders das musikalische Begleitprogramm (hervorzuheben ist der gemeinsame Chor von Schüler/-innen und Lehrer/-innen am Ende) trägt dazu bei. Und nicht zuletzt zeigt auch der prägnante und bissige, aber keinesfalls verletzende Spott mancher Redner eine lebendige Debattenkultur am NGO auf. Darauf lässt sich in den nächsten 50 Jahren aufbauen. (38/14.09.2009)
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