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"Rotary"-Stipendiaten in Tulancingo/Mexiko (Regina 2.v.l.)
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Alltag in Mexiko: Wahlen werden von denen gewonnen, die das Geld haben, für Menschenrechte wird im Fernsehen geworben. - "Immer wieder höre ich in der Schule, wie von Europa erzählt wird. Wie von einem großen Vorbild. Meine Mathelehrerin hat uns einmal erzählt, dass sie in einer Zeitschrift gelesen hat, dass Mexiko auf dem letzten Platz des Pisa-Tests steht. Und wir beschweren uns, dass wir Finnland noch nicht überholt haben." Ein nachdenklicher Bericht.
In den letzten acht Monaten ist Mexiko zu meiner zweiten Heimat geworden. Wenn ich zurückblicke, ist die Zeit so schnell vergangen... So viele hammer-geile Dinge habe ich erlebt. Stunden und Tage voller Spaß und Spannung! Vielleicht sogar noch mehr, die schwierigen Situationen und die vielen Probleme haben mich in meiner Zeit als Austauschschülerin in Mexiko geprägt. Zeit zum Reflektieren hatte ich kaum, nicht einmal, um eine Rund-Mail rumzuschicken. Es war und ist einfach zu genial, zu unglaublich, was ich hier erlebe. Ich sprüh' im Moment nur so vor Lebensenergie! Es ist so krass, was ich hier alles erlebe, und nun, wo meine Zeit hier in Mexiko wirklich langsam zu Ende geht, reiß' ich noch mal alles raus, was geht!
Ich fühle mich zu Hause hier Ich bin zur Zeit nur noch unterwegs. Jedes Wochenende bin ich draußen, mache Ausflüge in die Großstädte und Strände Mexikos, unternehme ständig was mit Freunden und lern, poco a poco, immer und immer mehr über die atemberaubende Kultur Mexikos und seiner Bewohner. Ich liebe dieses Land, dieses Essen, diese Sprache! Ich fühle mich einfach zu Hause hier. Ja, ich bin wirklich zu einer richtigen Mexikanerin geworden :D !!!
Doch auf der anderen Seite, kommt mir immer häufiger mein Zuhause in Deutschland in den Sinn. Bilder, Erinnerungen an meine Familie, meine Freunde, mein Haus, die Schule... Kleinigkeiten, die mich mein Leben in Deutschland sehr vermissen lassen. Es ist hier ein anderes Leben, immer irrealer kommt mir mein Leben in Deutschland vor. Ich kann mir im Moment gar nicht vorstellen, wie es sein soll, wieder nach Hause zu kommen, wieder normal in meinem Bett aufzuwachen. Als ob nichts gewesen wäre...
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| Regina (1.v.r.) in Acapulco |
Eine einmalige Erfahrung Ich gehe wirklich mit einem lachendem und einem weinendem Auge auf den meinen Rückflug zu. Doch ich sag' euch, ich werde heulen, heulen vor Glück, wenn ich am Flughafen wieder auf deutschem Boden steh' und meine Familie und meine Freunde in die Arme schließen kann. Die Entscheidung ein Austauschjahr zu machen, war die beste meines Lebens! So eine Erfahrung ist einmalig, keiner kann mich wirklich verstehen, der keinen Austausch gemacht hat.
Zur Zeit bin ich nur noch am Genießen. Am Genießen der Zeit, die mir hier noch bleibt. Denn es sind immerhin nur noch zwei Monate! Im Moment bin ich wirklich immer unterwegs. Mit Freunden draußen, um was zu unternehmen! Partys, Ausflüge und Aktionen. Immer ist etwas los und jedes Wochenende woanders.
Weiße Strände, Palmen, Kokosnüsse Letztes Wochenende war ich knapp eine Woche mit meiner Mutter und vier Freundinnen in ACAPULCO!!! :D Acapulco hat einen der schönsten Strände Mexikos und ist bekannt für sein einmaliges Nachtleben. Es war einmalig! Den Tag über am weißen Strand sich bräunen lassen, mit einer frisch geknackten Kokosnuss, unter dem lauen Windhauch der Palmen! Zwischendurch immer wieder im Pazifik schwimmen, mit Motorboten oder im Banana-Boat über die hohen Wellen rasen. Es war ein Traum! Jeden Abend bis zum Sonnenaufgang in Bars und Discotheken tanzen und einfach sein Leben genießen. Das einzig Doofe war, dass ich mich tierisch verbrannt habe.
... und in einer Woche wird es nur noch besser!! An diesem Dienstag geht die zweiwöchige „Ruta Maya" auf Tour quer durch Mexiko. Mit allen Austauschschülern des Distrikts werde ich Pyramiden sehen, Städte besichtigen und fünf Tage in Cancún bleiben! Ich denk, das wird die beste Zeit meines Lebens!
Schmetterlinge und Pyramiden Vor zwei Wochen war ich auch unterwegs... Auch am Meer, aber diesmal auf der anderen Seite Mexikos. Am Golf von Mexiko in Tuxpan, Veracruz. Auch dort, hammer Strand, Sonne, Spaß! War auch echt toll! Und diese Stadt schläft nie, echt krass: Um fünf Uhr morgens sind Restaurants auf und Fußgänger auf der Straße, als wäre es vier Uhr am Nachmittag xD Außerdem habe ich eine hoch interessante Ausgrabungsstätte kennen gelernt - „El Tajin". Dort steht eine Pyramide, die gleichzeitig einen mathematisch exakten Sonnenkalender darstellt. Er besitzt 365 Fenster und man kann sogar die Mondphasen und Jahreszeiten daran ablesen. Echt hoch interessant!
Die Woche davor war ich auch weg, mit Freunden in Morelia, das ist eine sehr koloniale Großstadt etwa fünf stunden von hier entfernt. War echt toll und in der Nähe haben wir dann die Mariposas monarcas angeschaut. Ein Naturschauspiel! Total krass, Millionen von Schmetterlingen, die sich dort in einem kleinen Wald niedergelassen und überwintert haben, um wie Zugvögel nun wieder nach Kanada zurückzufliegen. Es war wunderschön...
Die Schattenseiten Ich lern' hier wirklich unglaublich viel über die Natur und die Kultur Mexikos. Und mit jeder Sache, die ich mehr erfahre über die Geschichte Mexikos, fasziniert mich das Land mehr und mehr. Aber mir wird auch immer bewusster, wie viele Probleme hinter seiner Fassade versteckt sind. Ich brauchte nicht den Hinweis der Redaktion, um vom "World Economic Forum" zu erfahren, das dieses Jahr in Cancún stattgefunden hat. Dieses Thema hatten wir hier sogar in der Schule. Es handelt sich dabei um ein Projekt, dass die wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage der Dritte-Welt-Länder verbessern soll. Neben Mexiko soll dadurch auch anderen Ländern in Afrika und Asien geholfen werden.
Die Gespräche darüber in meiner Klasse waren für mich sehr interessant. Es ist spannend, das ganze mal „von der anderen Seite" zu sehen. Mir war früher zwar bewusst gewesen, dass Deutschland ein führendes Wirtschafts- und Industrieland ist; mit einer gewaltigen Export-Wirtschaft und einer Menge Einfluss. Doch ich hatte es mir nie so krass vorgestellt, und weniger aus der Perspektive der Dritte-Welt-Länder.
Unselbstverständlichkeiten Wer es nicht gesehen, nicht gespürt hat, kann mich vermutlich nur schwer verstehen. So viele Dinge nehmen wir als selbstverständlich an, die man sich hier nicht einmal erträumen lassen könnte:
- Trinkbares, reines Wasser für die Klospülung zu benutzen ist hier unglaublich und unvorstellbar. Wasser ist so kostbar, es muss hier teuer gekauft werden.
- Dass jedes Kind das gleiche Recht auf Schulbildung hat und es nicht von Geld abhängt, ob du nun eine Ausbildung bekommst oder nicht (also auf der Straße lebst oder nicht) erscheint hier paradiesisch.
- Eine gesicherte medizinische Versorgung, gar eine Krankenversicherung zu haben, können sich nur die Reichen erlauben.
Bilder, die man nicht vergisst In diesem Bezug, hatte ich, so glaube ich, mein prägendstes Ereignis hier: Der Besuch in einem öffentlichem Krankenhaus. Wir wollten jemanden besuchen. Doch das, was ich dabei gesehen habe, war einfach schrecklich. Eine Warteschlange bis nach draußen vor der Tür, mit Kranken und Schwachen, da es nicht genügend Räumlichkeiten gibt. In vielen Fällen hätten sie jedoch schnelle Hilfe gebraucht - da waren schreiende Schwangere, die in der Schlange warteten, ich habe Menschen gesehen, mit große, offenen Fleischwunden, die sofort hätten behandelt werden müssen. Ein kleiner Junge mit einem gebrochenen Bein wurde wieder nach Hause geschickt, da seine Mutter die Behandlung nicht bezahlen konnte. Das sind Bilder, die vergisst man nicht.
Zur medizinischem Standard, zum Umweltschutz, zu Gerechtigkeit, zu Gleichheit, allein zu den Menschenrechten, ist es hier wirklich noch ein sehr langer Weg. So muss es euch unvorstellbar erscheinen, wenn hier im Fernseher Werbung für Menschenrechte gemacht wird.
Vorbild: Europa Ich glaube, befürchte, dass keiner, der es nicht einmal gesehen hat, sich gar nicht richtig vorstellen kann, was es heißt, ein Dritte-Welt-Land zu sein. Immer wieder höre ich in der Schule, wie von Europa erzählt wird. Wie von einem großen Vorbild. Meine Mathelehrerin hat uns einmal erzählt, dass sie in einer Zeitschrift gelesen hat, dass Mexiko auf dem letzten Platz des Pisa-Tests steht. Und wir beschweren uns, dass wir Finnland noch nicht überholt haben.
Den Mexikanern ist zwar vollkommen bewusst, dass sie was ändern müssen, doch sie können einfach nichts machen. Es klingt vielleicht für euch wie aus einem schlechten Krimi, aber für mich ist das hier Realität: Bei Wahlen, ist es scheißegal, was gewählt wird, wer die richtigen Kontakte hat und auch noch ordentlich Kohle, gewinnt die Wahl. Wahlversprechen? Das Wort existiert hier nicht. Wer etwas gegen die Regierung öffentlich bekannt gibt, geht einmal allein um die Ecke zum Bäcker und kommt nie wieder. Es klingt absurd, doch es ist die Wahrheit. Ich habe von Fällen gehört, in denen Menschen einfach verschwunden sind.
Unvorstellbare Ungerechtigkeit Aus diesem Grund sind internationale Aktionen so wichtig. Das „World Economic Forum" oder auch die Arbeit von Organisationen wie Rotary. Ich wünsche mir so sehr, dass Austausch-Programme den Erste-Welt-Ländern die Augen öffnen, auf dass sie anfangen, richtig zu helfen! Und ich hoffe, dass die Dritte-Welt-Länder, so wie es Mexiko schon begonnen hat, anfangen zu kämpfen um ihren Lebensstandard zu verbessern. Denn zurzeit herrscht eine unvorstellbare Ungerechtigkeit auf unserer Erde.
Doch ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen diese Ungerechtigkeit zu vernichten. Ich für meinen Teil habe so viel hier gelernt, was ich am liebsten so vielen wie möglich weitererzählen will und werde! Ich werde die Zeit, die mir hier noch bleibt, dafür nutzen, noch mehr kennen zu lernen und noch mehr zu verstehen. Doch natürlich auch, um zu genießen. Im Moment bin ich ständig unterwegs, immer mit Freunden draußen, am Reisen und dabei, Neues zu entdecken. Da verfliegt die Zeit wirklich nur so wie im Flug. Diese acht Monate kommen mir so kurz vor...
Abschied Doch noch ist es nicht vorbei! Ich will einfach meine Zeit hier noch voll auskosten, bevor ich mich von diesem außergewöhnlichem Land und meinen Freunden hier verabschieden muss. Doch ganz ehrlich, ich freue mich schon unendlich, euch alle wieder zu sehen und wieder zu Hause zu sein :)
Ganz, ganz vielen Dank, dass Rotary mir das alles ermöglicht hat!
Viele liebe Grüße sendet euch Regina (12.03.2008)
Bilder: Dúnadan/Wikimedia/Creative Commons (m.); CrazyPhunk/Wikimedia/GNU (Karte); sonstige: Regina Schönfeld u.a. WEBLINK @ http://www.tulancingo.gob.mx/ - Offizielle Website von Tulancingo
 Unsere Autorin Regina Schönfeld lebt im Moment in Tulancingo (offiziell Tulancingo de Bravo). Die 97.000-Einwohner-Stadt liegt im Bundesstaat Hidalgo. Die meisten Leute dort sprechen Spanisch, eine Minderheit pflegt aber auch die Sprachen der Urvölker: Tepehua, Otomi und Nahuatl. Neben der Landwirtschaft spielt die Milchproduktion eine große Rolle; beliebt sind dabei interessanterweise u.a. Holsteiner Schafe. -tm
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