 |
 |
Las-Vegas-Korrespondentin Sina Voigt zieht nach acht Monaten USA Bilanz: Es war nicht immer ganz einfach, sich mit Menschen aus einer anderen Lebenswelt auf Anhieb gut zu verstehen. Zu unterschiedlich sind die Kulturen, die sich dabei begegnen. Dafür gefällt ihr das Leichtatlethik-Training, an dem sie jetzt in ihrer Freizeit teilnimmt. Und weil ihr der Spanisch-Unterricht in der Schule zu langweilig war, hat sie dort einfach Gewichtheben gewählt. Teeager aus zwei Kulturen Ich lebe seit fast acht Monaten in Nevada, Boulder City, in der Nähe von Las Vegas in den USA. In meinem Leben hat sich nach meinem ersten Bericht so einiges geändert. - Meine Gasteltern und ich haben uns im Januar dazu entschieden, eine andere Austauschschülerin aufzunehmen. Nachdem wir alle Papiere ausgefüllt und Kontakt zu unserem neuen Familienmitglied aus Brasilien aufgenommen hatten, war die Vorfreude groß Jessica persönlich hier in Empfang zu nehmen. Doch bevor der Tag endlich kam, habe ich sehr viel darüber nachgedacht, wie und ob sich mein Leben dadurch ändern würde und was es für Konsequenzen für mich haben könnte. Ich freute mich auf den Tag, doch ich hatte auch Bedenken: "Was, wenn wir uns nicht verstehen?", "Werde ich ein wenig für sie verantwortlich sein?". Doch dann dachte ich mir: "Es wird wahrscheinlich so sein, als ob eine gute Freundin mit mir zusammen wohnt!" Als sie dann hier ankam, war alles ganz anders als ich es mir gedacht hatte, leider nicht nicht ganz so perfekt. Wenn ich auf die letzten zwei Monate zurückschaue, kann ich nur sagen, dass es wohl doch die richtige Entscheidung gewesen ist. Trotzdem vergeht fast kein Tag, an dem wir uns nicht irgendwie streiten. Wir sind zwei Teenager aus zwei verschiedenen Kulturen und Familienverhältnissen; mit unterschiedlichen Persönlichkeiten. Wir sind total anders erzogen und haben andere Ansichten. Neben den täglichen Meinungsverschiedenheiten hatten und haben wir aber auch sehr viel Spaß zusammen. Zum Beispiel, als wir mit unseren Gasteltern im mexikanischen Cancún Urlaub gemacht haben oder wenn wir zusammen am Computer sitzen oder einfach nur quatschen. Nachdem wir letzte Woche einen sehr großen Streit hatten, haben haben wir uns jetzt richtig ausgesprochen. Ich hoffe, dass wir uns von nun an besser verstehen und noch mehr voneinander lernen werden. Ob das klappt, werden wir sehen. Schule, Sport, Arbeitsplatz Zum Halbjahresende habe ich meinen langweiligen Spanischunterricht in Gewichtheben umgewählt. Dort habe ich zwei neue Freundinnen gefunden - und das, obwohl es hier wirklich nicht einfach ist, richtige Freunde zu finden. Das hat mich am Anfang sehr genervt und unglücklich gemacht. Doch jetzt, nach 8 Monaten, habe ich so langsam einige Freunde, wenn auch nicht so viele, doch dafür gute Freunde, die auch mich mal fragen, ob ich Zeit habe um dies und jenes zu unternehmen. Davor war immer nur ich es, die fragte. Oft hatten sie dann keine Zeit, denn hier hat fast jeder in meinem Alter neben Schule, Schulsport und Hausaufgaben auch noch einen Job. So ist die Woche ziemlich ausgefüllt. An den Wochenenden war ich meist diejenige, die nie Zeit hatte, da ich entweder in unserem Ferienhaus im [Bundesstaat -Red] Utah war oder viel mit der Familie unternommen habe. Seitdem ich mit Track (Leichtathletik) angefangen habe, geht es in meinem Leben wieder rund. Im Track-Training, fünf Tage die Woche, eineinhalb Stunden, heißt es Aufwärmen, Stretchen und dann in Gruppen zum Werfer-, Sprinter- oder Langlauftraining. Viele der Sprinter machen auch Hürdenlauf, Weit- und/oder Hochsprung, einige sogar Stabhochsprung. Ich mache Kugelstoßen und Diskuswerfen und seit letzter Woche fange ich nun auch an, für Langlauf zu trainieren. Track ist ein super Sport, denn es gibt kein Team, aus dem man rausgeworfen werden kann. Jeder macht das, was er kann oder gerne machen möchte. Die Wettkämpfe gegen andere Schulen machen sehr viel Spaß. Beim letzten Wettkampf bin ich zum ersten Mal beim 800-m-Wettrennen angetreten und -ziemlich am Ende- als Letzte ins Ziel gekommen. Aber keiner hat mich ignoriert oder etwas Fieses gesagt, weil ich nicht gewonnen habe. Jeder hat mir gratuliert, dass ich es überhaupt bis ins Ziel geschafft habe. - Egal welchen Sport man am Nachmittag treibt, es verschafft einem die Zeit, mit Freunden zusammen zu sein, sich in Form zu bringen und den Tag damit sehr viel spaßiger und sinnvoller zu gestalten, als es zu Hause möglich wäre. Zwischen Freude und Trauer Sonst gibt es nicht so viel Neues. Nach so langer Zeit lebt man sich einfach ein. Man lebt ein normales Leben. Im Moment denke ich oft daran, wie es sein wird, wieder nach Deutschland zurückzukommen. Seitdem ich mein Abflugdatum (26. Juli) habe, wird mir klar, dass meine Zeit hier so "langsam" abläuft - ich habe hier "nur" noch um die vier Monate. Ich schwanke zwischen Freude und Trauer, da ich mir hier ein Leben aufgebaut habe. Nach einiger Zeit habe ich endlich Freunde gefunden, von Woche zu Woche wird es besser. Doch bald muss ich all das loslassen, mich von meiner Gastfamilie und meinen Freunden verabschieden - mit dem Wissen, dass ich sehr viele nie wieder sehen werde und der Kontakt wahrscheinlich sehr schnell abnehmen wird. Aber es muss sein und ich denke, ich freue mich auch schon darauf, alle in Deutschland wieder zu sehen. (12.03.2008) Vielleicht bekomme ich ja doch einmal die Chance zurückzukehren, um wenigstens meine Familie und meine besten Freunde hier wieder zu sehen. Dieses Jahr wird mir immer in guter Erinnerung bleiben!
Bilder: Sina Voigt (o.; mu.), Florian Knapp/jugendfotos.de (mo.); Huebi/Wikimedia Commons - GNU (u.)
 Unsere Autorin Sina Voigt lebt im Moment in Boulder City, einer Stadt im westlichen US-Bundesstaat Nevada. Sie liegt an der Grenze zu Arizona und ist etwa 30 Kilometer von Las Vegas entfernt. Boulder City wurde ursprünglich errichtet, um Arbeitern als Heimat zu dienen, die in den 30er Jahren dort einen Staudamm errichteten. Heute hat die Stadt etwa 16.000 Einwohner.
|